Gott erwacht

Der liebe Gott ist nach zweitausendjährigem Schlaf aufgewacht. Er reibt sich die Augen und blinzelt, geblendet vom hellen Sonnenlicht. Noch ist er verschlafen und hat keine Ahnung, wer er ist und wo er ist. Da hinten, diese Wolkenformation! Die kennt er doch! Schlagartig ist die Erinnerung zurück. In dieser blass-lila und grell-rosa gestreiften Haufenwolke wohnt sein Sohn, der Jesses! Nun hört Gott auch die dumpfen Beatrhythmen, die durch das Himmelsgewölbe donnern. Dort drüben ist die übliche Partystimmung. Seufzend erhebt Gott seinen massigen Körper aus dem Himmelbett und wischt mit einer nachlässigen Handbewegung eine Akustikdämmwolke vor den schmucken Gottespalast. Sofort ist es wohltuend still. Das Mittagsschläfchen ist jedoch gestört und das ärgert ihn.

»Wenn ich schon wach bin, kann ich gleich nachsehen, was mein letztes Projekt macht!«

Er pustet ein paar dunkle Gewitterwolken zur Seite und sieht die tolle Erde um die Sonne sausen. Etwas kommt ihm seltsam vor. Was soll der Grauschleier über dem blauen Planeten? Das sah zuletzt aber entschieden besser aus! Gott runzelt die Stirn und klingelt nach Petrus. Der Himmelsknecht rauscht sofort auf einer Regenwolke heran. »Was gibt es denn, Chef? Ist die nächste Mannalieferung fällig?«

»Quatsch mit Manna!« ruft Gott. »Hat jemand während meines Mittagschläfchens an der Erde rumgefummelt?«

Petrus ist beleidigt.

»Nee, Chef! Das wissen hier oben im Himmel doch alle, wie heilig dir dein Spielzeug ist!«

Kopfschüttelnd beobachtet Gott die schmutzige Kugel. Er wundert sich, dass da unten noch Leben möglich ist.

Zufällig kommt gerade die Himmelsuhr vorbei. Sie wird von vier hässlichen und stummelflügligen Engeln auf einer engen Kreisbahn um den Gottespalast gezogen. Die Uhr leistet Widerstand, doch die Engel sind unerbittlich und zerren sie erbarmungslos voran. Gott kümmert nicht das Leiden der Uhr. Ihn interessiert nur seine kaputte Erde.

»Sag’ mal, war ich so blöd und habe den Zeitbeschleunigungsfaktor nicht abgestellt? Sind auf der Erde seit meinem letzten Eingreifen in Jerusalem wirklich zweitausend Jahre vergangen?«

Petrus popelt gelangweilt in der Nase und meint: »Da sage ich jetzt nichts zu. Wer ist denn hier Gott der Allmächtige?«

»Ich!« Brüllt Gott begeistert.

»Na bitte.« Petrus geht wieder zu der Himmelspforte. Hier hat sich während der Dauer des Gesprächs mit Gott eine kilometerlange Schlange aufnahmewilliger Lungenkrebsopfer gebildet. Das sieht verflucht nach Überstunden aus.

Gott betrachtet die dreckige Erde und ist ratlos. Wie immer, wenn er nicht weiterweiß, fragt er seine Mama um Rat an. Die hockt zwar irgendwo am Ende des Universums und brütet einen Scheißgott nach dem nächsten aus, ist jedoch jederzeit für ihren Nachwuchs zu sprechen. Dazu benutzt er einfach das rote Telefon, das an einer Schnur aus Schlangenhaut, um den Hals gebunden, vor seinem dicken Bauch hängt. Es sieht aus wie eine unrasierte Muschi. Wie das Ding technisch funktioniert, davon hat er keinen blassen Schimmer. Muss er auch nicht. Hauptsache, der Kontakt ist immer zuverlässig.

»Meine Welt ist am Arsch, Mama, was soll ich tun?«

»Wirf das Ding in ein Schwarzes Loch.«

»Nein, Mama, ich habe mir so viel Mühe damit gemacht. Kann ich es nicht reparieren? Ob sich das noch lohnt?«

»Kannst es ja ausprobieren.«

»Mache ich. Gruß an Papi.«

***

Gott fummelt zwei Telefonhaare von den Lippen. Er greift eine Portion Manna aus der Luft und stopft den leckeren Batzen in den Mund. Gut gelaunt geht er ans Werk. Kauend überprüft er zunächst die Fakten:

Die Menschen machen die Erde kaputt. Sie haben sich in den letzten zweitausend Jahren vermehrt wie die Heuschrecken. Die meisten Leute leben in einer kapitalistischen Gesellschaftordnung, was sich zerstörerisch auf die Erde und die Menschen auswirkt. Es gibt viele Religionen. Manche finden Gott supertoll, andere nicht. Diejenigen, die voll auf ihn abfahren, streiten untereinander um die richtige Art und Weise seiner Vergötterung.

Er hat die Hände schon an den Regelschiebern der Erdenmaschine, um für den Anfang das Problem der Überbevölkerung mit ein paar Kometeneinschlägen zu lösen. Da bekommt er die beste Idee der Welt:

»Warum sollte ich denen die Arbeit abnehmen? Die können ihren Planeten bitteschön selbst wieder in Ordnung bringen!«

Gott entscheidet sich für eine interessante Minimallösung und nennt sie »Operation sanftes Anschubsen«:

Alle Menschen sollen ihn gut finden. Er will ihnen sagen, was sie an ihm gut finden sollen. Sie sollen sich und ihn lieb haben. Sie sollen die Erde, auf der sie leben, lieb haben und sie wieder gesund machen.

Gott zeigt den Menschen ein wenig, wer hier der Boss ist. Das geht einfach: Er nimmt die Himmelstrompete aus dem Wandregal mit den himmlischen Folterwerkzeugen und bläst in Richtung Blauer Planet hinein. Vorn kommt eine wunderschöne Ansage heraus:

»Achtung, Achtung, hier spricht der Kapitän! Der Kahn ist kurz vor dem Absaufen, weil einige Ratten schon zu viele Löcher in den Rumpf genagt haben. Ich gebe euch ein Jahr Zeit, grundlegende Veränderungen herbeizuführen, damit das Schiff problemlos weiterfahren kann. Damit ihr den Ernst der Lage kapiert und meine Macht fürchtet, hier eine kleine Warnung: Alle, die in den nächsten Tagen auf die sogenannte PEGIDA-Demonstration gehen, werden von mir geschwärzt. Den Boko Haram und dem IS zeige ich bei ihren Terroraktivitäten meinen Stinkefinger. Bis dann!«

Diese klare Ansage unterbricht alle laufenden Funksendungen auf der Erde und ertönt aus den Lautsprechern aller Empfangsgeräte. Die Himmelsposaune übersetzt praktischerweise den Spruch nicht nur in die jeweilige Landessprache der Empfänger. Die Posaune kann auch mehrere Stimmen imitieren. Beispielsweise klingt die Deutsch sprechende Stimme wie Angela Merkel und die amerikanische wie der tote Elvis Presley. Die gesamte Menschheit rätselt über den Ursprung, die Bedeutung und die technische Machbarkeit der Sendung. So richtig will niemand an die Botschaft glauben. Die Regierungen der Erde beschuldigen sich gegenseitig einer üblen Propaganda.

***

Zwei Tage später ist Montag, die wöchentliche PEGIDA-Demonstration in Dresden ist in vollem Gange. Einige Teilnehmer machen Witze über den irren Spruch von vorgestern und das ominöse »Schwarzmachen«. Gegen Ende der Veranstaltung verunsichert eine Nachrichtenmeldung mehrerer Presseagenturen die Menschen: Im Kongo sind mehrere Terrorbanden der Boko Haram vernichtet worden. Angeblich von Buschmännern mit Fäusten und Speeren gegen Terrorkämpfer mit Kalaschnikows. Außerdem melden die kurdischen Peschmerga prima Geländegewinne, weil bei den IS die Waffen nicht mehr funktionieren.

Nur ein paar Teilnehmer der Demonstration lassen sich verwirren, als sich das herumspricht. Es geht weiter mit »Lügenpresse, halt die Fresse!« und »Wir sind das Volk!«

Plötzlich wird es kurz stockdunkel, dann gibt es einen Lichtblitz, es wird noch einmal dunkel. Diesmal fast zehn Sekunden lang und als dann wieder die Abendsonne scheint, sind alle Teilnehmer der Demonstration negroid geworden. Schwarz wie die Nacht. Sogar Polizisten, die aufpassen sollen, dass die Leute keine Hitlergrüße machen, sehen aus wie schwarze Streifenbullen in Chikago. Die anwesenden Kamerateams hat es auch erwischt. Praktischerweise gehen die Bilder sofort um die Erde und die Welt ist entsetzt.

Der Schreck bei den Pegida-Teilnehmern ist groß. Viele fallen in Ohnmacht. Eben noch blonde Wikingerrecken brechen zusammen und wimmern: »Mami, ich will kein Neger sein!« Alle reiben an sich herum, in der Hoffnung, die vermeintliche Farbe abwischen zu können – aber nichts geht: Alles ist echt. Sogar die blankpolierten Glatzen sind weg. Stattdessen prunken überall schöne schwarze Kraushaarlocken auf den Köpfen. Einer der Männer guckt in seine Hose und ruft begeistert: »Alter! Dafür gerne!« Sofort ist er von interessierten schwarzhäutigen Frauen umringt.

Die anschließenden Untersuchungen in Krankenhäusern und Universitäten führen zu keinem Ergebnis. Unter den Experten ist Einigkeit: Das Geschehen ist rational nicht zu erklären. Die rätselhafte Verwandlung muss ein Wunder sein. Von IHM. Alle Menschen auf der Erde rennen in die Kirchen und Moscheen. Buddhisten und Hindus werden richtig neidisch. Viele treten zum Christentum über. Der Papst meint, das Ereignis verstanden zu haben. Es gäbe eine Absicht dahinter, das hätte ER als Kapitän ja laut und deutlich genug gesagt: ER will uns Gutes tun, aber wir müssen selber gut sein. Leider verstehen das die Wenigsten. Eine Woche später bringen sich einige Pegida-Teilnehmer um oder töten sich gegenseitig. Andere vollziehen die totale Kehrtwendung und gehen offensiv mit ihrem Kainsmal um. Sie suchen auf den Straßen nach übrig gebliebenen Faschisten und blamieren sie in der Öffentlichkeit mit Sprüchen wie: »Na, heute schon ’nen Nigger angespuckt?« oder »Schaut, das weiße Menschenkind, wie es plötzlich läuft geschwind!« Sie rennen fröhlich durch Dresden und rufen; »Black Power, Black Power!« Total nette Leute sind das und immer auf der Suche nach alten Omis und Opis, denen sie über die Straße helfen und ihnen die mit Fertigprodukten gefüllten Einkaufstaschen in armselige Rentnerwohnungen hochtragen. Es finden Rollatorwettbewerbe statt: Alte Menschen werden auf ihren Rolli gesetzt und dann geht die Post ab: Wer ist schneller, Bimbo oder Bimba? Übrigens wollen viele Schwarzgemachte jetzt Bimbo heißen und nach Afrika auswandern. Die deutsche Regierung lässt sie aber nicht aus dem Land, weil immer noch Untersuchungen nötig sind, um rauszubekommen, ob Heilung möglich ist. Deshalb will sie auf die Menge der 20.000 Geschwärzten behalten, denn es müssen noch viele Experimente gemacht werden. Die Russen bieten jede Hilfe an. Das wird jedoch abgelehnt, weil die angeblich keine Erfahrung mit schwarzen Leuten haben. Franzosen und Niederländer dürfen gern helfen, was total ungerecht ist.

Doch das Wunder bleibt ein Wunder. Gott ist gespannt, wie es weitergeht.

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