Rüdiger

»Wann kommt er denn endlich?«

Rüdiger hieb mit seiner flachen Hand an die Beifahrertür des Firmenwagens. Mittlerweile begann die Kälte des frostigen Wintermorgens an seinen Zehen zu nagen. Sein Chef war jetzt schon seit zehn Minuten überfällig. Mit kalten Fingern angelte er sich eine filterlose Zigarette aus der zerknitterten Packung und drehte sich in den kalten Wind, um sie mit seinem Sturmfeuerzeug in den hohlen Händen zu entzünden. Tief inhalierend ging er zurück zum Werkzeugschuppen. Der Schuppen war zur Hofseite hin völlig offen. Nur die rechte Hälfte mit Werkzeugen und Maschinen auf einer Pflasterfläche diente dem Betrieb. Der restliche Platz war vollgerammelt mit Heu- und Strohballen. Der Minibagger stand auf einem Anhänger. Die Einstiegstür fehlte.

Rüdiger stieg über den Radkasten des Anhängers und ließ sich in das Führerhaus des Baggers fallen.

»Brumm, brumm, brumm!«

Vor lauter Langeweile spielte er an den Armaturen und stellte sich vor, wie er gerade das Grab von Hansi verfüllte.

»Der Arsch! Erstmal aus Versehen mit dem Baggerlöffel den Sarg ein bißchen einquetschen, damit die Würmer schneller an dich drankommen! Dann ein Löffel Dreck, noch ein Löffel Dreck … oh, entschuldige bitte, dass ich deinen Sarg schon wieder gelöchert habe! Brumm, brumm!«

Er hörte ein weiteres Brummen, diesmal von der Straße weiter unten und sein Gefühl sagte ihm: Der Chef kommt. Ein blauer Geländewagen fuhr zügig den Feldweg zum Schuppen hoch. Endlich! Wenn er jetzt nicht gekommen wäre, hätte Rüdiger sich in seinen rostigen Opel Corsa gesetzt und wäre zu seiner Freundin Britta gesaust.

Sein Chef kam mit Sicherheit von einer seiner vielen Freundinnen. Der geile Bock! Rüdiger konnte nicht verstehen, was die Weiber an ihm fanden.

»Morgen, Rüdiger!«

Hansi blieb in seinem Protzschlitten sitzen und hatte nur die Seitenscheibe elektrisch geöffnet.

»Hast du schon lange gewartet? Tut mir leid, dass ich so spät bin. Hier ist der Schlüssel vom LKW. Wenn du heute fertig bist, schließ ab und nimm ihn mit. Keine Ahnung, ob ich morgen mithelfen kann. Jetzt muss ich auch gleich wieder los, Baustelle in Dünsperg angucken. Kann zehn Uhr werden, bis ich zu dir stoße, haha! Ansonsten ist ja alles klar: Bagger mitnehmen und buddeln was das Zeug hält. Die Beerdigung ist um zwei, bis dahin muss alles pikobello sein. Also dann, tschüss!«

Den Motor des Geländewagens hatte der Chef erst gar nicht abgestellt. Der Rückwärtsgang wurde eingelegt und weg war er.

Rüdiger ging zum LKW und steckte den Schlüssel ins Schloss. Verdammt, schon wieder verklemmt. Die Karre hatte schon 23 Jahre auf dem Buckel und in dieser Zeit bestimmt schon eine Gesamttonnage von der Masse des Mondes transportiert. Endlich rastete der Schlüssel ein. Wütend riss Rüdiger die Fahrertür auf. Sie fiel ihm entgegen und er konnte sie gerade noch halten, als sie sich aus der oberen Halterung löste und auf ihn.

»Mist, Scheiße, Gottverdammte Hurendoggenscheiße!«

Die Verzweiflung allen aufgestauten Elends des heutigen Morgens entlud sich in einer Entscheidung mit orgiastischem Höhepunkt.

»Weg den Dreck!«

Schwungvoll knallte die Tür runter und knirschte entsetzlich in der unteren Angel. Drei, vier kräftige Tritte mit stabilen Sicherheitsstiefeln knallten gegen das Türfutter. Noch hielt die Tür. Rüdiger schaute sich den Schaden genauer an. Die obere Türangel war total abgefault und hatte sich mit einem riesigen Loch in der Füllung verabschiedet. Die kläglichen Reste hingen an der Tür und bröselten in rostigen Krümeln ab.

»Total im Arsch, die Karre!«

Kurz entschlossen packte Rüdiger die Tür und hob sie ein paar Mal auf und ab, in der Hoffnung, sie aus der unteren Halterung reißen zu können. Der Erfolg kündigte sich in schrillem metallischen Kreischen des gequälten Stahls an. Nocheinmal! Fester! Nochmal! Nichts bewegte sich. Enttäuscht – und dennoch hochzufrieden über den Widerstand deutscher Qualitätsarbeit gegen den Rost der Zeit – hielt Rüdiger in dieser sinnlosen Arbeit inne.

»Hier brauchen wir stärkeres Kaliber!«

Entschlossen holte er die Pflasterbrechstange vom Anhänger und setzte sie an. Zweimal kräftig gehebelt, dann war sie ab. Na also! Die Tür zerrte er gleich auf den Metallschrotthaufen.

Ein Blick auf die Armbanduhr zeigte ihm, er müsse sich jetzt beeilen. Sobald er den Anhänger mit dem Bagger darauf angehängt hatte, bugsierte er, eingenebelt in schwarze Dieselabgase, das Gespann zur Hofeinfahrt hinaus auf die Straße. An diesem Frühlingsmorgen schien die Sonne zwar schon seit zwei Stunden, hatte es aber noch nicht geschafft, die kalte Nachtluft entscheidend zu erwärmen. Rüdiger hielt seine Arbeitsjacke bis zum Kinn verschlossen und lenkte mit Arbeitshandschuhen. Zeit zum Warmlaufen des LKW-Motors hatte er nicht gehabt und selbst mit funktionierender Heizung hätte das nichts gebracht, weil die Fahrertür fehlte.

»Ich muß doch wirklich bescheuert sein, so loszufahren!«

Sicherheitsgurte waren ihm Führerhaus nicht vorhanden. Auch deshalb hatte Rüdiger ein schlechtes Gefühl beim fahren. Egal, noch drei Kilometer bis zum Friedhof, da wird schon nichts passieren!

Vorsichtig bog er mit dem Gespann nach rechts in die Bahnhofstraße ab. Hier hatte die Straße ein leichtes Gefälle und Rüdiger rollte im kleinen Gang hinab. An der Sparkasse musste er anhalten, weil vor ihm ein altes Mütterchen die Straße überquerte. Aus dem Tabakladen an der Ecke öffnete sich gerade die Tür und Rüdigers Freund Erwin kam heraus. Obwohl dessen Augen von der Zecherei der letzten Nacht noch verklebt waren, erkannte er Rüdiger in der Klapperkiste und begann sofort ein entsetzliches Gebrüll.

»Rüdiger, du alte Sau! Warte mal! Haste mal 5 Euro für mich? Die Fotze hier will mir nichts mehr geben! Dabei hab’ ich gerade gestern noch ‘nen Zwanziger rübergeschoben, den Hansi mir für’s Leichenfleddern gegeben hat!«

Erwin war so eine Art Gelegenheitsarbeiter bei Hansi. Seit zwei Jahren arbeitet er tage- oder wochenweise im Betrieb, je nachdem, welchen Bedarf Hansi an ihm hatte. Zuletzt hatte er vor ungefähr 3 Monaten auf einer Baustelle in Dünsperg gearbeitet oder so. Eines Morgens hatte Hansi ihn schon um 10 vollgesoffen angetroffen und sofort rausgeschmissen. Bei Andriana, der Inhaberin des Tabakladens, hatte er dauernd Schulden. Selten hatte die er die Gelegenheit, sein Konto bei ihr auszugleichen. Sein einziger Nebenverdienst zu Hartz IV war die Mithilfe beim Gräberschaufeln in der Hansis Tiefbaufirma.

Ende kommt noch.

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