Waschbär

„Vollidiot!” Wütend trennte Irene die Verbindung und warf ihr Smartphone auf den Beifahrersitz. Es landete in einem Sammelsurium von Dingen, die das Autofahren angenehmer machen oder es überhaupt erst ermöglichen. Keksschachteln, volle Getränkedosen, leere Getränkedosen, eine Sonnenbrille, Kleenextücher, eine kleine, ramponierte Stoffpuppe die einmal Pippi Langstrumpf war und 15 Jahre als Maskottchen am Innenrückspiegel hing, bevor das Aufhängeband riss. “So ein blöder Vollidiot!”. Irene steigerte sich immer mehr in Wut über ihren dummen Bruder. Während sie mit Tempo 120 in ihrem alten Toyota Corolla in die Abenddämmerung zwischen Fritzlar und Borken raste, schimpfte sie lauthals weiter und ließ lang aufgestaute Wut heraus. “Drecksack, Hurenbock, verlogenes Arschloch!” Eine kurze Pause, dann brüllte sie, so laut sie konnte: “Kinderschääändeer!” Der Corolla flitzte weiter in Richtung Borken. Vereinzelt klatschen die ersten Nachtfalter an die Windschutzscheibe. Über den Kuppen des Kellerwaldes war noch ein orangeroter schmaler Streifen von Wolken reflektiertes Licht der untergegangenen Sonne zu sehen. Doch Irene ließ sich dadurch nicht von ihrer Wut ablenken. Auch nicht von der Konzentration beim Autofahren. Immer beide Hände am Steuer, immer den Blick auf die Fahrbahn geradeaus, regelmäßige Kontrollen des rückwärtigen Verkehrs durch Innen- und beide Außenspiegel. Festes, den ganzen Fuß umschließendes Schuhwerk, immer die richtige Brille für alle Helligkeitsverhältnisse. Wagenpflege, Werkstattintervalle, alles war bei ihr Routine und reine Selbstverständlichkeit. Die perfekte Autofahrerin. 40, Lehrerin an der Ursulinenschule in Fritzlar. Keine Kinder. Keinen Mann. Eltern tot. Zwei Brüder. Der eine das Arschloch, mit dem sie gerade telefoniert hatte, der andere seit ewigen Zeiten in Australien. Auch ein Arschloch.

Ein nahezu beiläufiger Blick auf den Geschwindigkeitsmesser vesetzte ihr beinahe einen Schock. 132 Stundenkilometer! Auf einer Landstraße! Schlagartig war ihre Wut auf den verhassten Bruder verflogen und als Ursache für ihr Fehlverhalten ausgemacht. Schnelles Hinunterschalten in den 4. Gang, kurzes Antippen des Bremspedals: Fehler korrigiert. Mit exakt 100 Stundenkilometern ging es weiter. Den Wagen, der mit ebenfalls überhöhter Geschwindigkeit seit einem Kilometer fast an ihrer Stoßstange klebte, hatte sie dabei die ganze Zeit voll im Blick. Der schwarze BMW reagierte souverän: er hatte nur kurz abgebremst, dann runtergeschaltet und zog im dritten Gang bei Vollgas hupend an Irene vorbei.

“Arschloch!” kommentierte Irene kurz und knapp dieses Verhalten. Von solchen Idioten ließ sie sich beim Autofahren schon lange nicht mehr aus der Ruhe bringen. Während sie in angemessenem Tempo dem BMW folgte, versuchte sie zu überlegen, wie es geschehen konnte, dass sie eben die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit überschritten hatte. Mit einem Mal realisierte sie, dass sie während der Autofahrt mit dem Handy telefoniert hatte. Ohne Freisprecheinrichtung! Ein schneller Blick auf den Beifahrersitz bestätigte ihre Erinnerung. Unter einer halbleeren Keksschachtel schaute zur Hälfte ihr Handy hervor. Das Display war noch erleuchtet, was bedeutete, dass seit der letzten Aktivität noch keine 60 Sekunden vergangen waren. “Ich glaube, ich brauche Urlaub”, murmelte sie und richtete ihren Blick wieder auf die Fahrbahn. Kaum dass sie sich binnen einem Sekundenbruchteil über die aktuelle Fahrsituation informiert hatte – der kurze Blick zum Handy hatte nicht zu einer Spurabweichung geführt – entspannte sie sich, seufzte tief und lockerte bewusst ihre Oberkörpermuskulatur. Mit einer gut eingeübten Bewegung hob sie zur Entlastung den Hintern ganz kurz aus dem Sitz um ihn gleich wieder leicht kreisend im Sitz zu versenken. Zufrieden spürte sie, wie wieder leicht prickelnd Blut in den Gefäßen zirkulierte.

Den dunklen Schatten, der plötzlich aus dem Gebüsch von rechts auf die Straße schoss, sah sie zu spät, um noch reagieren zu können. Ein dumpfer Schlag erschütterte den Wagen. Schon vollführte sie eine Vollbremsung, doch ihr war klar, es war zu spät, viel zu spät.

Noch bevor der Wagen stand, hatte Irene schon die Warnblinkanlage eingeschaltet. Nun sprang sie aus dem Auto und lief auf der Fahrbahn zurück. Die Straße war völlig leer. Bis auf Irene, deren Wagen und das Fellknäuel, das 30 Meter zurück in der Mitte der Fahrbahn lag. Als Irene das Tier erreichte, konnte sie gerade noch erahnen, dass es ein Waschbär war, da entknäuelte sich das Fell. Mit einem lauten Schrei, der Irene ein Schaudern den Rücken hinunterlaufen ließ, richtete sich das Tier auf und war mit drei, vier Hopsern auf der anderen Straßenseite und sofort durch das dichte Strauchwerk ihrem Blick verborgen. Sie hatte nur noch erkennen können, dass das Tier einen Hinterlauf hinter sich herzog. Ohne Taschenlampe konnte sie in der mittlerweile fast vollständigen Dunkelheit nichts erkennen. Zurück zum Auto, nahm sie ihr Handy und schaltete die Taschenlampenfunktion ein. „Lieber Herrgott im Himmel, sei mir gnädig. Hoffentlich ist nichts kaputt!“ Die Sorge um ihr Auto hatte jetzt, wo sie sich nicht um das arme, verletzte Tier kümmern konnte, Vorrang. An der linken Stoßstange sah sie einen Blutfleck, daran klebend ein Büschel grauweißer Haare. Zuerst wollte sie spontan das eklige Zeug mit einem fetten Grasbüschel, den sie schon vom Straßenrand abgerissen hatte, wegwischen. Gerade noch rechtzeitig fiel ihr ein, dass dies als Beweis für die Polizei noch dranbleiben musste. Dreimal fotografierte sie die Sauerei und kontrollierte das Ergebnis. Sicherheitshalber leuchtete sie nochmal die ganze Front des Toyota ab. Es war kein Schaden zu erkennen. „Das ist wirklich noch Qualität!“, dachte sie. Von hinten, aus ihrer Fahrtrichtung, näherten sich mehrere Scheinwerferpaare. „Ich muss die Unfallstelle absichern!“, überlegte sie. „Das Warnblinklicht allein reicht nicht.“ Sie überlegte, wo sie beim letzten Aufräumen des Toyotas das Warndreieck verstaut hatte. Genau in dem Moment, als es ihr einfiel, sah sie den einmündenden asphaltierten Feldweg, kaum 15 Meter entfernt im Licht des Scheinwerferpaares. „Da fahre ich rein, dann bin ich von der Straße.“ Schon heulte der Motor auf und der Wagen machte einen Satz nach vorn. Schnell bugsierte Irene das Fahrzeug in den Feldweg und hielt dann gleich wieder an. Die Warnblinkanlage stellte sie ab. In diesem Moment schossen 3 oder 4 schnelle Wagen an der Unfallstelle vorbei. „Puh, das war knapp“, dachte sie. „Warum habe ich nur das Warndreieck meinem bescheuerten Bruder geliehen, zusammen mit dem Reserverkanister und dem Verbandskasten!“ Das war nämlich der Grund, vielmehr 3 Gründe von einer ganzen Menge mehr, weshalb sie vor dem Zusammenstoß mit dem Waschbär ihren Bruder so lauthals beschimpft hatte. Der Kerl hatte sie ernsthaft aufgefordert, sie solle sich diese Utensilien, die er sich nur für heute für die Vorstellung beim TÜ mit seinem aufwändig restaurierten Porsche 911 Carrera, Baujahr 1968, von ihr ausgeliehen hatte, einfach neu kaufen. Er wäre glücklich, die Sachen jetzt in seinem Besitz zu haben und könne sich eine eigene Anschaffung gerade sowieso nicht leisten. Außerdem wolle er heute Abend noch nach Hamburg, um in Hamburg den bei seiner geschiedenen Frau lebenden 9-jährigen Sohn Alfred zu besuchen. Überdies sei Irene eine reiche Schnepfe, die ihr ganzes leicht verdientes Geld den Banken in den Rachen werfe, wogegen er ein armer Hund sei, arbeitslos, arbeitsscheu und drogensüchtig, den sie ruhig öfter mal unterstützen könne. „Blöde Sau. Fick dich selber. Arschgesicht und Mutterschänder!“ Wenn sie sich allein wähnte, geschah es besonders nach langen, anstrengenden Arbeitstagen, dass sie sich den ganzen Ärger, der sich in ihr in der Schule aufstaute, auf diese Weise abbaute. Dort war sie immer die nette, souveräne und selbstsichere Lehrerin, total verklemmt in ihren Ansichten, was sich auch in ihrer biederen Kleidung ausdrückte. Nicht, dass sie gern genauso luderhaft und leichtlebig wie die meisten ihrer Kolleginnen und vor allem ihrer älteren Schülerinnen gewesen wäre. Nein, das nicht. Sie stand zu ihrer konservativen, fast schon reaktionärer Lebenseinstellung. Nur – es war so furchtbar anstrengend, dies in der heutigen, sündenvollen Zeit zu sein. Immer angefeindet von respektlosen Schülern und – ja – auch Kolleginnen und Kollegen. Da hatte sie mal bei einem Wochenendseminar über Stressabbau einen guten Tipp bekommen: „Lassen Sie die Sau einfach mal raus! Wenn Sie sich nicht trauen, das in der Öffentlichkeit zu machen, tun Sie es einfach heimlich, wenn sie allein sind und stellen sich vor, die ganze Welt kann Sie hören. Das geht auch im Auto. Wer hört Sie schon, wenn sie Ihren Urschrei herauslassen?“ Seitdem, seit etwa einem halben Jahr, probierte sie das immer öfter aus, weil sie merkte, dass es wirklich half. Gestern hatte sie sogar schon mal daran gedacht, sich beim Autofahren die Muschi zu streicheln und sich dabei vorzustellen, wie ihr ekelhaft jugendlicher und kräftiger Lehrerkollege, der Herr Finster, ihr dies als imaginärer Beifahrer besorgt. Ja, sie machte eindeutig Fortschritte in ihrer Art der Stressbewältigung!

Nun wurde es aber Zeit, die Polizei zu informieren. Ein prüfender Blick auf die Akkuanzeige ihres Handys, okay, noch 25 Prozent, das sollte für den Rest des Abend reichen. „Polizeinotruf Schwalm-Eder.“ Kein Name. Nur das. Irene spürte schon wieder Ärger in sich hochkochen. Keinen Anstand, keine Moral gab es heutzutage mehr. Nicht mal die Polizei verhält sich korrekt, wenn man sie anruft. „Irene Schleppender am Apparat. Mit wem habe ich das Vergnügen zu sprechen?“, fragte sie bewusst schnippisch. Die Antwort ließ wirklich so lange auf sich warten, wie es Irene vorkam. Bestimmt mindestens 5 Sekunden. Das ist eine sehr lange Zeit, wenn man bedenkt, dass die Notrufnummern oftmals nur als eine Leitung existieren, weshalb schon Kindern beigebracht wird, dass Notmeldungen immer kurz und knapp abzufassen sind. Es könnten ja noch schlimmere Dinge zeitgleich geschehen, die der Polizei auch mitgeteilt werden müssen, zum Beispiel ein Banküberfall oder die Sichtung eines UFOs. Ganz schlimm, wenn dann keines von beiden rechtzeitig der Polizei gemeldet werden kann, weil gerade gemeldet wird, dass ein Waschbär angefahren wurde und das dann so lange dauert, weil die Polizei schlechte Laune hat oder keinen Anstand und dann auch noch der Meldende auf Stressbewältigung aus ist.

So kann es dann passieren, dass Außerirdische sich die Bankräuber schnappen, bevor die Polizei überhaupt Wind von der Sache bekommt. Schnappen, mit ihnen experimentieren und mit der Kohle in Las Vegas einen drauf machen. So etwa musste der diensthabende Beamte der Wache gedacht haben in diesen 5 Sekunden. Daher wurde er plötzlich sehr eilig: “ Oberwachtmeister Erwin Zores. Ihren Namen habe ich notiert. Was ist geschehen? Bitte fassen Sie sich kurz!“ Irene erstattete knapp Bericht. Oberwachtmeister Zores teilte ihr mit, dass eine Streife sich im Moment nur 3 Kilometer entfernt befände und gerade frei sei. Irene bedankte sich artig und beendete das Gespräch. „Zeit, schnell noch mal Pipi zu machen bevor die kommen“, murmelte sie vor sich hin. Der Toyota gab ihr genügend Deckung vor eventuellen vorbeifahrenden Gaffern, außerdem war es fast stockdunkel. Hemmungslos hockte sie sich vor die Kühlerhaube und erleichterte sich. Auf das Abwischen konnte sie in dieser Notsituation gut verzichten. Kaum hatte sie die Hose hochgezogen, bemerkte sie ein blaues Flackerlicht auf der Straße, das sich rasch näherte. Schnell lief sie an den Straßenrand und winkte die Polizei herbei. Auf das akustische Sondersignal hatten die Beamten verzichtet. „Sie müssen aber noch die Warnblinkanlage einschalten!“ Schon waren die beiden, die gerade aus dem Wagen ausgestiegen waren, stark angefressen. „Einen schönen guten Abend, erst einmal, gnädige Frau!“ erwiderte der ältere der beiden, der auf der Fahrerseite ausgestiegen war. Der andere, ein junges Bürschchen, wahrscheinlich gerade von der Polizeiakademie in den ersten Arbeitseinsatz entlassen, rückte sich den Waffengürtel zurecht. Geschickt schaffte er es dabei, sich mit einer geschmeidigen Bewegung, fast unmerklich, der Anwesenheit oder sogar dem Wohlergehen seines Geschlechtsteils durch einen schnellen, prüfenden Griff zu versichern. Irene sah das aber wohl. Auch der ältere Kollege, der missbilligend den Kopf schüttelte. „Ich bin Hauptwachtmeister Schurigel. Dies ist mein Kollege, Herr Michels.“ Die Stimme des jungen Polizisten klang überraschend tief und selbssicher. Da fiel Irene ein, einmal gehört zu haben, das bei Polizeistreifen immer der ranghöhere auf dem Beifahrersitz ist, als Chef sozusagen, weil Autofahren kann ja jeder. Aber nicht jeder sagen, wo es lang geht. Das hätte sie jetzt nicht gedacht, dass so ein junger Kerl einen alten Mann wie den Wachtmeister Michels so durch die Gegend scheuchen kann. Sie stellte sich vor und schilderte den Unfallhergang. Während der junge Herr Schurigel dabei die ersten Notizen in einem Smartphone eingab, natürlich per Spracheingabe, wie das heutzutage modern ist, schlich der ältere Beamte mit einer Taschenlampe um den Toyota. „Frau… kommen Sie doch mal bitte her“, rief er plötzlich, als er an der Motorhaube des Wagens angekommen war. „Ich glaube, Sie haben einen Kühlerschaden.“ Voller Sorge, vorhin nicht alles bei ihrer Schadensbegutachtung gesehen zu haben, sprang sie herzu. Der Lichtkegel der Taschenlampe beleuchtete eine große Pfütze. Schillernd brach sich neben dem Schein der Lampe auch das fahle Licht des aufgehenden Halbmondes darin. „So wie das aussieht, müssen sie abgeschleppt werden. Das ist ja die ganze Kühlflüssigkeit. Sieht man ja auch schön an der gelblichen Färbung.“ Wachtmeister Michels ging in die Knie. Die Gelenke knackten entsetzlich laut. „Das ist normal. Tut gar nicht weh.“ Ächzend watschelte er ein wenig näher an die Lache heran. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. „Kann jetzt nichts erkennen. Ist zu dunkel.“ Prüfend steckte er einen Finger in eine Stelle der Pflütze, zog ihn heraus und hielt ihn unter die Nase. „Eindeutig. An Ihrer Stelle würde ich den Abschleppdienst rufen.“ Irene fasste es nicht. „Soll er doch glauben was er will“, dachte sie. „Hier geht es um ein Tierleben. Haben sie das noch nicht begriffen? Der Waschbär ist über die Straße auf die andere Straßenseite. Wir müssen ihm helfen!“ „Müssen helfen. Müssen helfen! Helfen Sie mir erstmal wieder hoch, Frau…! Anscheinend schaffte es Wachtmeister Michels wirklich nicht mehr, aus eigener Kraft aufzustehen. Sein junger Kollege war inzwischen wieder zum Streifenwagen zurückgegangen, wohl um den Unfallbericht an die Wache zu schicken. „Leck mich doch am Arsch!“ flüsterte Irene und wandte sich ab. Das konnte ja wohl nicht wahr sein! Wen ließen sie heutzutage denn alles bei der Polizei rumlaufen? Gichtige Frühpensionäre und triebhafte Pubertierer. Und dachte dabei an den Schurigel und dessen Griff in den Schritt. Hatte er dabei nicht so ein lüsteres Glitzern in den Augen gehabt? Leider konnte sie sich nicht mehr daran erinnern so etwas gesehen zu haben, so sehr war sie vorhin von der Handlung des jungen Polizisten beeindruckt. Aber der Gedanke gefiel ihr. Jung, pervers und triebhaft. Wahscheinlich auch noch schießwütig.

Entschlossen schnappte sie sich ihr Smartphone vom Beifahrersitz. Sie schaltete die Taschenlampen-App ein und leuchtete auf der gegenüberliegenden Straßenseite nach dem verschwundenen Waschbär. Hinter ihr jammerte immer noch Wachtmeister Michels. Der jugendliche Polizist saß weiter im Einsatzwagen und kommunizierte mit der Wache. Hinter den Sträuchern am Straßenrand erkannte Irene einige größere Gebäude. Das musste der Kalbshof sein, eine ehemalige gräfliche Domäne, auf der seit den siebziger Jahren von einem Industriellen aus dem Ruhrgebiet Pferdezucht betrieben wurde. Die Einfahrt zum Hof war höchstens 50 Meter entfernt. Kurzentschlossen marschierte Irene los. Der alte Michels hatte sich mittlerweile tatsächlich hochgequält und rief seinem jungen Kollegen zu: “Kevin! Wo will die denn hin?” Mit zunächst vorsichtigen, langsamen Schritten, dann immer schneller werdend, ging er Irene hinterher. Hauptwachtmeister Schurigel hatte endlich die Datenübertragung beendet. Langsam fuhr er an und seinem Kollegen und der komischen Frau, die schon nicht mehr zu sehen war, hinterher. Als er seinen Kollegen erreicht hatte, drückte er auf den Akustikknopf der Sondersignalanlage. “Tatüü, tataa!” Das hatte den gewünschten Erfolg. Michels fuhr der Schreck in die Glieder, er hatte das Fahrzeug noch nicht bemerkt. “Los, Michels”! Schurigel stieg aus und ging um das Fahrzeug und ließ sich auf den auf den Beifahrersitz fallen. “Du bist der Fahrer, ich der Bestimmer. Fahr dem Schnuckelchen hinterher. Die ist bestimmt in den Bauernhof da reingelaufen!” Mit hochrotem Kopf, verursacht durch Anstrengung, Schmerz in den Knien und vor allem einer unbändigen Wut auf seinen jungen Kollegen, stieg Michels ein und gab Gas. Eines Tages würde er sich rächen, bitterlich rächen. Viel fehlte nicht mehr, er war kurz vor einer Kurzschlusshandlung. Doch so schnell, wie er sich aufgeregt hatte, wurde er auch wieder ruhiger. Weil er daran dachte, wie er diesem jungen Schnösel, diesem arroganten Widerling so richtig einen verpassen würde.

In seinem Tagebuch, das er regelmäßig schrieb, hatte er schon viele gute Entwürfe notiert, einer besser als der andere. Alle hatten die Gemeinsamkeit, dass am Ende der Schurigel froh sein konnte, wenn er nach dem Rausschmiss bei der Polizei noch einen Job als Nachtwächter bekommen würde.

„Pass doch auf, alter Mann!“ Schurigels gebellter Ausruf kam eigentlich zu spät. Na, man kann nicht alles haben: jugendliches Aussehen noch mit 22, ständig Lust auf schmutzigen Sex, gemeines Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen, Schießwut und Reaktionsschnelligkeit. Der Schurigel hatte das alles zusammen auch nicht. Nachdem wir schon ein wenig über ihn erfahren haben, brauchen wir nicht weiter zu überlegen, um zu wissen, woran es ihm haperte. Weitere Haperungen sind zu erwarten, doch begnügen wir uns zunächst mit der ihm eigenen Trägheit. Nicht, dass er ein Lahmarsch war. Nein, sportlich war der Schurigel topfit. Wenn der erstmal in Fahrt kam, rannte er alles nieder, boxte alles nieder. Wenn er in Fahrt war. Wir müssen uns einen Schnellzug vorstellen. Ist der erstmal auf 250 Sachen, hält er das lange durch. Aber er braucht 10 Kilometer, um diese Geschwindigkeit zu erreichen. Beim Schurigel war das einer gewissen geistigen Trägheit geschuldet. Den Start bei einem schnellen Bahnrennen verpasste er immer. Während seine Konkurrenten schon 10 Meter hinter sich hatten, klebten die Sohlen vom Schurigel immer noch am Startklotz. Aber dann! Aber dann!

Jedenfalls hatte der Michels schon längst vor dem verletzten Waschbär angehalten, der gleich in der Hofeinfahrt lag. Dass er noch nicht gestorben war, konnten die Polizisten gleich erkennen, so heftig hoben und senkten sich die Flanken des verwundeten Tieres. Die beiden stiegen aus. Im Abblendlicht des Opel Omega betrachteten sie dir Verstümmelungen. „Ach du Scheiße.“ Schurigel zeigte auf eine Stelle neben dem abgeknickten Hinterlauf. „Siehst du das? Das sind Därme.“ Michels wandte sich ab. Ihm war zum Kotzen zumute. Aus Richtung der Wohngebäude waren Stimmen zu hören. Mit schnellen Schritten, fast laufend, kam Irene um die Ecke einer Scheune gebogen und schrie: „Rufen Sie einen Tierarzt, schnell!“ Verwundert drehte sich nun auch der Schurigel um. Da war Irene bereits vor ihm und boxte ihn mit beiden Fäusten gegen die Brust. „Was stehen Sie hier denn noch herum? Sehen Sie nicht, dass das Tier Hilfe braucht? O Gott! Und ich bin schuld! Nun machen Sie schon!“ Ratlos schaute der Schurigel zu seinem älteren, erfahreneren Kollegen. Der zuckte die Schultern und tippte mehrmals mit einem Zeigefinger gegen die Stirn. „Gut dass Sie schon da sind!“ Eine tiefe Stimme brachte weitere Spannung in die Situation. Schwer atmend hatte sich ein schwergewichtiger Mann genähert. Es war der Pächter des Hofes, Herr Schwintzer, den Irene aus dem Pferdestall geholt hatte. „Da ist ja das Viech!“ rief er freudig aus, als er den Waschbär auf dem Hofpflaster liegen sah. „Den schmeiß ich gleich auf die Miste!“ Schon bückte er sich, um das Tier am Schwanz aufzuheben. Das hätte er lieber bleiben lassen sollen. In diesem Wildtier war noch sehr viel Leben. Es reichte allemal aus, um der fleischigen Hand des Herrn Schwintzer einen kräftigen Biss mit nadelspitzen Zähnen zu versetzen. Als dieser vor Schmerz aufschreiend die Hand zurückzog, hatte der Waschbär den Fang noch nicht wieder öffnen können. In einer halbkreisförmigen Bewegung wurde er emporgerissen und fiel wieder auf das Pflaster zurück. Ausgerechnet voll auf den gebrochenen Hinterlauf. Der schrille Schmerzensschrei des Tieres gellte allen in den Ohren. Glücklicherweise blieb es bei diesem einen kurzen Schrei. Offensichtlich war der Waschbär bewusslos geworden oder sogar gestorben. Prüfend stieß Schurigel das Tier mit einem Fuß an. Irene war verzweifelt. Was waren das nur für rohe, brutale Menschen!

“Was fällt Ihnen ein, das arme Tier zu treten!” Irene schossen Tränen in die Augen. “Können Sie nicht einen Tierarzt rufen?” “Das Tier gehört erschossen.” Schurigel öffnete mit einem lässigen Daumenschnippen die Sicherungslasche am Holster seiner Dienstwaffe. Ein feuchter Glanz hatte sich über seine Augen gelegt. Jetzt fielen seine Augenlider herunter und verengten seine Augen zu kleinen Schlitzen. Unvermittelt drängte sich Irene die Szene mit der Schwester von Jack Crabb in dem Film “Little Big Man” auf, in der sie ihm als Revolverheldin den Schlangenblick für zielsicheres Schießen demonstriert. Bevor sie diesem fiesen Kerl erneut die Fäuste gegen die Brust schlagen konnte, drängte sich Michels zwischen die beiden. Entschlossen fasste er seinen Kollegen am Arm. “Darf ich dich mal kurz sprechen?” Dabei zog er den Schurigel etwas zur Seite. Der erwachte wie aus einem Traum und verzog seinen Mund zu einem verächtlichen Grinsen. Was wollte der Alte denn? Dennoch folgte er ihm weg von den anderen zu der Scheunenecke. Leise, damit Irene und der Hofpächter ihn nicht hören konnte, sagte Michels: “Ich weiß, dass du ein schießwütiger Hund bist. Aber hast du mal daran gedacht, was dich nachher an Schreibkram und Erklärungen dem Dienststellenleiter und der Gewerkschaft gegenüber erwartet, wenn dir eine Kugel in der Waffe fehlt. Glaub’ mir: das wünschst du deinem ärgsten Feind nicht. Außerdem ist das ein Wildtier. Das macht normalerweise der zuständige Jagdpächter.” “Was reden Sie denn da so lange! Hier zählt jede Sekunde. Rufen Sie jetzt endlich einen Tierarzt?” Irene war den beiden gefolgt und stellte sich wütend vor sie. Die Arme hatte sie schützend vor ihrer Brust verschränkt und blitzte die beiden aus tränenden Augen fordernd an. Schurigel schaute nachdenklich. Dann sagte er: “ Michels, geh’ ans Funkgerät im Wagen und mach’ das. Frau …, sie gehen jetzt mal am besten mit dem Herrn Schwintzer ins Haus und helfen ihm, seine Wunde zu versorgen.” “Ja, das wäre sehr schön!” Herr Schwintzer trat näher und hielt Irene die blutende Hand hoch. “Das kann ich nicht selber versorgen und außer mir ist heute abend niemand da. Helfen Sie mir bitte!” Dieser weinerlich vorgetragenen Bitte konnte die sensible Irene sich nicht verschließen. Sie folgte Herrn Schwintzer zum Wohnhaus. Auf halben Weg drehte sie sich um und rief: “Wenn ich wiederkomme, ist der Tierarzt da. Ist das klar?” Zur Bekräftigung ihrer Forderung hob sie einen Arm in Richtung der Polizisten und drohte ihnen mit ausgestrecktem Zeigefinger. “Nun kommen Sie schon”, rief Herr Schwintzer, der schon im offenen Hauseingang stand. “Ich verblute gleich, wenn Sie mir nicht gleich einen Verband anlegen!” Als Irene im Haus verschwunden war, sagte Schurigel: “So eine doofe Tusse! Wer die hat, kann sich gleich erschießen! Michels, was ist denn los? Hast du was erreicht?” Er trat an den Einsatzwagen heran. Michels hatte gerade das Gespräch mit der Einsatzleitung beendet. Er stieg aus, nahm die Mütze ab und kratzte sich am Kopf. “Kann nicht mehr lange dauern. Die Einsatzleitung hat den Jagdpächter auf dem Handy erreicht. Zufälligerweise ist er fast um die Ecke und will gleich da sein.”

In die Hofeinfahrt bog ein dunkles Geländefahrzeug. „Ist er das?“ Schurigel sah Michels fragend an. Der zuckte die Schultern. „Kann sein. Dann war er aber wirklich sehr nah.“ Der Landrover hielt neben dem Polizeiwagen. Aus dem Wagen stieg ein vierschrötiger Mittfünfziger. Hohe Forststiefel, Tarnfarben-Kampfanzug, schwarze Pudelmütze ohne Trottel. Mit schweren Schritten ging er auf die beiden Polizisten zu. Selbst im schwachen Licht der Hofbeleuchtung und der Scheinwerfer der Autos war die Trübung seiner Augen gut zu erkennen. „Guten Abend die Herren!“ Seine Stimme knarrte wie alte Holzdielen. „Wo ist denn der Waschbär? Ah, da liegt er ja.“ Zu dritt gingen Sie auf das verendende Tier zu. „Sie sind der Jagdpächter?“ Michels hob leicht schnuppernd die Nase. „Ziemlich gewagt von Ihnen, mit einer Alkoholfahne hier zu erscheinen!“ Der Mann kniff die Augen zu kleinen Schlitzen zusammen. „Wilfried Hentschel. Jagdpächter hier. Was wollen Sie denn? Ich war bis eben auf einem Ansitz um die Ecke und habe gerade erst begonnen, meinen mitgebrachten Muntermacher allezumachen. Wer hat mich denn angerufen für diese Scheiße? Ihr doch. Also beschwert euch nicht. Morgen früh wäre ich wieder ausgenüchtert nach Hause gefahren. Jetzt bin ich hier und soll euch helfen. Da kann euch das bisschen Schnaps doch egal sein. Außerdem – hier kann ich sowieso nichts machen. Dem Tier muss geholfen werden, das ist klar. Aber ich bin laut Jagdgesetz verpflichtet, mindestens 200 m von jeglicher Wohnbebauung nicht zu schießen. Das bleibt euch überlassen, das Tier von seinen Qualen zu erlösen.“ Schon drehte er sich um und ging zu seinem Rover zurück. In diesem Moment kam Irene zurück. Die letzten Worte des versoffenen Jagdpächters hatte sie sehr gut verstehen können. Ehe die beiden Polizisten sie hindern konnten, hatte sie Herrn Hentschel eingeholt und hämmerte ihm mehrere Male die Fäuste in den Rücken. „Sie Schwein. Sie Dreckschwein!“ schrie sie. „Das Tier ist nicht tot! Es soll leben! Es muss sofort zu einem Tierarzt!“ Hentschel hatte mit einem solchen Angriff nicht rechnen können. Die Wucht der verbalen Beschuldigung traf ihn härter als der tätliche Angriff. Dieser ließ ihn zwei Schritte nach vorn stolpern, bevor er sich wieder gefangen hatte und sich zu ihr umdrehte. Was er sah, erfüllte ihn mit Grauen. Das fratzenhafte, hassverzerrte Gesicht dieser Frau ließ ihn schlagartig ernüchtern. Unvermutet sah er sich einer Gestalt gegenüber, die ihn sehr an den Grund seiner nächtlichen Ansitze mit Schuss denken ließ – seiner Frau. Im Vergleich zu dieser Furie hier erschien ihm seine Eva allerdings noch wie ein Engelchen. Was stampfte die denn so mit den Füßen? Nun hatte sie auch noch einen Schreikrampf. Heulend und kreischend hüpfte sie auf und ab, drehte sich im Kreise und stieß zwischendurch die derbsten Flüche aus: „Männerkackbande! Schwanzlutscher elende! Verlogenes, unfähiges Männerpack. Bullensch…eiße!“ Befriedigt stellte Hentschel fest, dass er wieder einigermaßen in der Lage war, Dinge genauer und differenzierter zu sehen. Als die Irre „Bullenscheiße“ rief, nachdem sie zuvor die Männer als Ganzes verfluchte, dachte er sich sofort, dass sie wohl so irre doch nicht sein konnte, die beiden Polizisten als „Bullenschweine“ zu titulieren. Warum standen die Polizisten überhaupt so gelassen neben ihrem Auto? „Wie lange soll die denn noch hier herumtoben?“ Herr Hentschel musste selbst laut rufen, um sich gegen das Geschrei von Irene durchsetzen zu können. „Ach, wisst ihr was? Ich fahre wieder zu meinem Hochsitz! Auf Wiedersehen, die Herren und die Dame!“ Er stieg in seinen Rover und wendete. Dabei hätte er fast Irene erwischt, die immer noch völlig abgehoben wie Rumpelstielchen herumtanzte. Die Rücklichter des Wagens verschwanden.

Durch das laute Geschrei auf dem Hof wurde endlich Herr Schwintzer wieder wach. Nachdem Irene ihm die Hand verbunden hatte, war er in die Kellerbar gegangen und versuchte, den Schmerz mit einigen Kurzen zu betäuben. Das war ihm gut gelungen. Nicht nur der Schmerz in der Hand war erträglicher geworden, den ganzen Kerl hatte schnell eine gewisse Mattigkeit erfasst. Mühsam erhob er sich vom Sofa und schleppte sich die Kellertreppe hoch. Hier oben im Flur war der Lärm bereits kaum noch zum aushalten. Er bekam Kopfschmerzen. Stöhnend ging er weiter und sah, als er um die Scheunenecke bog, die wildgewordene Irene springen und tanzen. Sie schrie zum Gotterbarmen. Die beiden Polizisten hatten sich in den Wagen gesetzt und die Türen geschlossen. Ja was war das denn? Schwintzer kam bis auf ungefähr 3 Meter an Irene heran. Neben ihm lag der Waschbär. Es war nicht zu erkennen, ob noch Leben in dem Tier war. Blödes Sauvieh. Die Wunde begann gleich wieder mehr weh zu tun. Irene hatte ihn nun erkannt und warf an ihn. Zitternd lag sie in seinen Armen und flüsterte: „Helfen Sie doch. Helfen Sie doch dem armen Tier!“ Schwintzer bekam den Wunsch, den Waschbär am liebsten zu zertrampeln und Irene auf seine Wohnzimmercouch zu legen. Da war doch noch ein Gedanke? Er vor vorbei und vorläufig nicht zu fassen. Schwintzer führte Irene ein paar Meter weiter zu einem Betonklotz, der als Gegengewicht für einen Schlepper mit schwerem Pfluganbaugerät diente. Er half ihr sich hinzusetzen. Die schwere Stalljacke zog er aus und legte sie ihr über die Schultern. Es machte Irene nichts aus, dass das Ding entsetzlich nach Pferdemist stank. Dankbar strahlte sie ihren Wohltäter aus verheulten Augen an. Der nahm ihre Hände in seine und sagte: „Warten Sie mal gerade, ja?“ Schon stand er neben dem Polizeiwagen und klopfte energisch an die Scheibe des Fahrers. Michels hatte wieder die ihm angestammte Funktion als Fahrer eingenommen und starrte ihn mit zusammengekniffenen Lippen an. Dann hob er die rechte Hand und wies mit dem Daumen auf seinen Kollegen. Ziemlich angefressen kam Schwintzer in dem Moment auf die andere Wagenseite, als sich die Beifahrertür öffntet und Schurigel waffengurtrückend ausstieg. Noch bevor der Hofpächter etwas sagen konnte, bedeutete ihm Schurigel mit beiden Händen, er solle auf Abstand bleiben. Er räusperte sich heftig und sagte leise: „Wir setzen uns jetzt ab. Kein Einsatz in unserer Zuständigkeit.“ „Seid Ihr denn alle wahnsinnig?“ Schwintzer explodierte förmlich.

Mit einem entschlossenen Satz wollte er dem Schurigel an die Kehle springen. Kraftvoll stieß er sich mit dem rechten Fuß ab. Leider rutschte er sofort weg und hatte seine liebe Mühe, sich mit den Händen auf dem Boden abstützen zu können. Ausgerechnet hier hatte der Waschbär zuerst gelegen und schmieriges Blut auf dem Pflaster hinterlassen. Stöhnend richtete Schwintzer sich auf und betrachtete die bandagierte Hand. Unterdessen saß der Schurigel wieder im Auto. Er rief die Einsatzzentrale. „Hessen 04 für Hessen 2256. Bitte kommen. Hier Hessen 04, kommen. Hessen 2256 meldet sich vom letzten Standort ab. Einsatzkräfte sind überfordert. Hohe psychologische Herausforderung. 2256 rückt jetzt ein. Schicken Sie Ersatzkommando. Kommen. Hier Hessen 04. Verstanden. Hessen 2244 übernimmt. Ankunft in 6 Minuten. Nach dem Einrücken melden Sie sich sofort in der Einsatzzentrale. Ende. Lächelnd startete Michels den Motor. Langsam setzte der Omega zurück und wendete. Zurück blieben ein verwirrter und zornige Schmeltzer und Irene. Sie hatte sich wieder etwas beruhigt und war aufgestanden. Vorsichtig näherte sie sich dem Waschbär, immer darauf gefasst, von dem Tier gefasst zu werden. Das war das letzte, was sie wollte. Die Bisswunden an der Hand von Herrn Schmeltzer hatten richtig ekelhaft ausgesehen. Es war eine große Überwindung für sie gewesen, die Wunde zu reinigen und zu verbinden. Ihr sollte das besser nicht passieren. Doch der Waschbär lag sehr still. Dennoch: wenn man genau hinsah, bemerkte man ganz leichte Atembewegungen. „Warum tut denn niemand etwas?“ Wieder und wieder stellte sie sich diese Frage. Herr Schmeltzer ging zu ihr und fasste ihre Hände. „Frau…“ Er stockte. „Wie heißen Sie eigentlich?“ „Reparello. Irene Reparello“, schniefte sie. „Verwandt mit den Reparellos aus Wabern?“ „Ja, warum?“ „Ich war mal mit einem Reparello in der Berufsschule. Silvio hieß er.“ „Könnte mein Vater gewesen sein. Dachdeckerausbildung?“ „Ja.“ „Dann war er’s. Ist vor 6 Jahren vom Fritzlarer Dom gefallen. Wissen Sie das nicht? Das war eine Riesenschlagzeile in der örtlichen Presse.“ Irene schüttelte sich. „Die haben uns die Bude eingerannt. Von Schwarzarbeit war die Rede und der Bischof war ganz schön in der Bredouille. War aber alles sauber. Ein halbes Jahr später ist meine Mutter gestorben.“ „Das tut mir leid.“ Schmeltzer war den Tränen nahe. „Das war schon ein feiner Kerl, der Silvio. Hat uns immer mit Grappa und Ramazotti versorgt auf den Parties. Dass er gestorben ist, wusste ich wirklich nicht. Ich war 10 Jahre in Südafrika und bin erst vor 2 Jahren wieder zurückgekommen. Ohne Beate!“ Schmeltzer rannen die Tränen herunter und er wandte sich ab. Irene unterließ es, nachzufragen wer Beate war und dachte sich, es wäre besser, ihn seinem Schmerz zu überlassen.

In diese traurige Situation fuhr mit Blaulicht ein Polizeiwagen. Die schneidigen Polizisten, die dem Wagen entstiegen, hockten sich nach einer kurzen Begrüßung vor das Tier. „Der lebt echt noch!“, stellte Polizeiobermeister Herbener fest. „Meinst du, wir sollten ihn erschießen?“ fragte sein Kollege Polizeihauptwachtmeister Furgall. „Nein! Nein! Nein!“ Irene sprang hinzu. „Bringen Sie ihn bitte zum Tierarzt. Ich fühle mich so schuldig an dem armen Tier. Ich will es nicht auf dem Gewissen haben!“ Die beiden Polizisten verständigten sich mit Blicken. Ansatzweise hatten sie im Polizeifunk mitbekommen, was das hier für eine Geschichte war. Und dass ihre Kollegen den Einsatz hier gesteckt hatten. Hier kam man mit guten Worten nicht weiter, das wussten sie. Zu Schmeltzer gewandt fragte Herbener: „Haben sie einen Plastiksack oder eine Plane? Ohne was nehme ich das Ding nicht mit.“ Irene klatschte freudig in die Hände. „Das ist schön. Das ist schön!“ Sie drehte sich zu Schmeltzer und rief: „So holen Sie nun endlich eine Plane! Das Tier leidet doch!“

Zwanzig Minuten später hielten zwei Fahrzeuge vor der Praxis von Frau Dr. Killich in Borken. Die Polizeieinsatzzentrale hatte ihr bereits die Ankunft eines verletzten Tieres gemeldet. Sie stand in der hellerleuchtenden Eingangstür und rauchte. Strähniges, dunkles Haar, von silbrigen Stähnen durchzogen, umrahmte ihr faltiges Gesicht. Ihre ganze Erscheinung erinnerte sehr an eine Pennerin vom Frankfurter Bahnhofsvorplatz. Doch sie war eine Könnerin. Ihre Praktikumsplätze für Veterinäranwärter waren unter Studenten heiß gehandelt. Man munkelte im Dorf, sie hätte sogar das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten. Doch ganz genau wusste das niemand. Polizeiobermeister Herbener, der nun den Kofferraum des Polizeiwagens öffnete, dachte bei ihrem Anblick jedenfalls an die Nacht, in der er sie kennengelernt hatte. Das musste vor ungefähr zwei Jahren gewesen sein, er war erst seit einigen Wochen nach der Ausbildung hier zur Wache kommandiert worden.

Er hatte mit seinem Kollegen Ferdinand Oxler eine total langweilige Nacht fast hinter sich. Ein wenig waren sie Patrouille gefahren. Die Strecke war frei gewählt, nur einige Fixpunkte waren nach Routenplan unbedingt anzufahren. Dazu zählte neben dem Borkener Bahnhof, wo mindestens zweimal zwischen 23 und 2 Uhr Präsenz gezeigt werden musste, auch das Anwesen des ehemaligen Direktors des abgebauten Kraftwerks der Preußen Electra in Borken. Seit dem Niedergang des örtlichen Braunkohleabbaus und dem Abriss der ehemals größten Dreckschleuder der westdeutschen Kohlekraftwerke lebte Holger Zumschlag in einer Schlossanlage am Rand von Dillich. Dieses Schloss hatte binnen kürzester Zeit einen ganz besonderen Ruf in ganz besonderen Kreisen erhalten. Gelegentlich wurde der ein oder andere Prominente ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt, wenn findige und ausdauernde Reporter belegen konnten, dass wieder mal ein Symbol dümmlicher Deutschhaftigkeit, nach außen treu, kinder-und tierlieb, ein Bewahrer der deutschen Leitkultur, in dieser Lokalität verkehrt und zwar besonders verkehrt hatte.

Jeder Kollege einer Nachtpatrouille der Borkener Dienststelle freute sich, wenigstens einmal in der Schicht langsam an der Zufahrt zum Schloss vorbeifahren und nach Auffälligkeiten Ausschau halten zu können. Herbener waren schon zu Beginn seines Dienstantritts in Borken diese Nachtfahrten von seinen Kollegen schmackhaft gemacht worden. Nachdem er selbst nach gefühlten 10 Vorbeifahrten immer noch nichts Auffälliges entdecken konnte, hatte er es schon fast aufgegeben, dass er eines Nachts zu den Glücklichen gehören würde. Dann kam die Nacht der Nächte.

In einer lauen Sommernacht war er mit seinem Kollegen Bernd Müller vor einer halben Stunde am Schloss vorbeigefahren. Wieder war nichts von schönen Frauen zu sehen. Zwar standen fünf oder sechs Oberklassewagen an der Straße neben der Schlosseinfahrt, weil diese bereits von anderen Wagen zugeparkt war. Doch von den Gästen war niemand zu sehen. Die gerade stattfindende Party musste noch in vollem Gange sein.

Seit Oberwachtmeister Ferdinand gleich bei der ersten beauftragten Kontrollfahrt das Filmsternchen Yvonne Schnatterfeld volltrunken und barbusig auf ihren Jaguar zutorkeln sah, woraufhin der Abschleppdienst ihn und seinen Kollegen aus dem Graben ziehen musste, seitdem war für alle Kollegen die Nachtpatroullie ein wahres Vergnügen geworden. Nach jeder Schlossparty erfreute sich die Polizeiwache an neuen und besseren Geschichten. Nur Herbener hatte bisher in dieser Hinsicht noch nichts erlebt und zweifelte langsam am Wahrheitsgehalt der geilen Kollegengeschichten.

In dieser Nacht der Nächte aber kam ein Einsatzbefehl der Leitstelle. “Schwalm-Eder 2345, wie ist Ihr Standort?” Hier Schwalm-Eder 2345, Ortsausfahrt Borken Richtung Singlis.” “Fahren Sie sofort zum Schloss von dem Zumschlag, wir haben einen Notruf wegen sexueller Belästigung erhalten.” “Verstanden, sind unterwegs!”

Als sie zum Schloss kamen, quälten sie sich die durch Nobelkarossen zugestellte Zufahrt zum Eingang. Die Tür stand weit offen und überall wuselte die Schickeria Deutschlands herum. Die Polizisten mussten sich von den halbnackten und zugedröhnten Partygästen manche Anzüglichkeit gefallen lassen, ehe sie durch die Halle zum Hinterausgang gelangten. Auf der Terrasse bot sich ihnen ein interessantes Bild. Der Hausherr saß nur mit einem Bademantel bekleidet auf einem Stuhl und hielt sich mit verheultem Blick den Schritt. Daneben hatten zwei muskelbepackte Männer, offensichtlich Leibwächter, erhebliche Mühe, eine keifende und zappelnde Frau in mittlerem Alter festzuhalten. Das war die Tierärztin Dr. Killich. Wie sich in der Vernehmung bald herausstellte, war Dr. Killich vom Zumschlag gerufen worden, um die Wunde von Buschi zu versorgen. Buschi war der Yorkshire-Terrier von Zumschlags dritter Ehefrau. Diese war wieder einmal in der Weltgeschichte unterwegs. Übermorgen würde in der Boulevardpresse ihr Techtelmechtel mit der argentinischen Umweltministerin reißerisch aufgemacht die halbe Nation in Aufregung versetzen. Jetzt jedoch war sie nicht da und hatte Buschi in der Obhut ihres Mannes gelassen. Das arme Tier war jedoch aus dem Raum entwischt, in den Herr Zumschlag es eingesperrt hatte. Ein liebestolles Gästepaar hatte sich ausgerechnet das Hundezimmer von Buschi für eine kleine Partypause ausgesucht. Kaum dass sich die Tür einen kleinen Spalt geöffnet hatte, war Buschi rausgeflitzt. Weit kam er jedoch nicht, denn der bereits heftig schwankende Staatssekretär Wilfried Hocker trat versehentlich dem Buschi voll auf die Pfote. Nur ein kurzer jaulender Kläffer, dann war der Kleine schon in Ohnmacht gefallen und lag heftig aus einer Wunde blutend vor dem Buffet. Die Partystimmung hatte dies Vorkommnis nicht beeinträchtigt. Immerhin hatte der Hocker den Anstand gehabt, dem Zuschlag sein Mißgeschick zu gestehen. Bis dahin vergingen jedoch viele Minuten, in denen das wie leblos liegende Tier von den hungrigen Gästen rücksichtslos immer tiefer unter den Buffettisch geschoben wurde. Der Zuschlag war gerade sehr mit der Ariane Ruprecht beschäftigt, die sich seinen Avancen schon viel zu lange entzogen hatte. Nun hatte er sie fast soweit, da kam der Hocker und fragte ihn, ob er einen Hund hätte. Wieder vergingen kostbare Minuten, bis der Zuschlag die Wahrheit erfuhr. Tief besorgt lief er zum Buffet und schrie die Gäste an. Ariane Ruprecht war es dann, die den Buschi unter dem Tisch hervorzog und feststellte, dass er noch lebte. Unter seinen Gästen war natürlich niemand, der sich beruflich qualifiziert um den kleinen Hund kümmern konnte. Eine bange Zeit für Zumschlag verstrich, bis er endlich von einem seiner Bodyguards die Nummer einer örtlichen Tierärzin im Notdienst erhielt. Zweimal musste er es durchläuten lassen, bevor Dr. Killich sich verschlafen meldete. Immerhin war es mitten in der Nacht, halb drei. Mit dem Angebot von 1000 Euro, wenn sie in 10 Minuten bei ihm wäre, lockte der Zumschlag die Frau Dr. Killich in sein Schloss.

Ihre wilde Erscheinung war ja nicht dazu angetan, Vertrauen in ihre ärzliche Kunst zu setzen. Nach dem Anruf vom Zuschlag war sie aus dem Bett gesprungen und in ein viel zu großes labbriges T-Shirt geschlüpft, an dem noch die Farbreste ihrer gestrigen Hobbykleckserei waren. Die engen Jeans war auch nicht mehr die sauberste, jedenfalls am schnellsten verfügbar. Zu mehr und besserem Outfit war keine Zeit! So stürzte sie dann 1 Minute bevor das Limit von 10 Minuten ablief, in die Halle des Schlosses. Glücklicherweise war sie noch so geistesgegenwärtig gewesen, den Notfallkoffer mitzunehmen. Thriumphierend rief sie:“Da bin ich! Wo ist der Patient?“ Zweifelnd führte der Zuschlag sie zu Buschi, der auf der rechten Seite am Rande des Büffets aufgebahrt war. Dafür musste die Kürbissuppe zurück in die Küche. Die strähnigen Haare fielen Frau Dr. Killich vor das Gesicht. Hinter diesem Vorhang konnte niemand sehen, was sie da eigentlich machte. Das Endergebnis war jedenfalls verblüffend. Der Buschi hatte einen schönen weißen Verband um die verletzte Pfote und leckte der Tierärztin dankbar die Hand. Die Gäste klatschen Beifall. Unter den Hochrufen der Gesellschaft führte der Zuschlag die Ärztin auf die Terrasse und bot ihr einen Konjack an. Es entwickelte sich ein Gespräch zwischen den beiden und die 1000 Euro wechselten den Besitzer. Was dann geschah, konnte sich der Zuschlag am nächsten Tag überhaupt nicht mehr erklären. Vielleicht waren die Hormone sowas von am kochen gewesen, bestimmt auch wegen der Ariane Ruprecht. An die wäre er in dieser Nacht überhaupt nicht mehr drangekommen, die hatte sich den Buschi geschnappt und an ihren Busen gedrückt. Jedenfalls ließ der Zumschlag plötzlich alle Hemmungen fallen riss die Dr. Killich an sich und wollte an ihr herumschmatzen. So kam es dann zu einem Tritt in die Hoden, denn die Frau Dr. Kimmich kannte sich nicht nur in der tierischen Anatomie aus. Als sie ihm dann noch eine auf Maul hauen wollte, kamen die Leibwächter endich in Reichweite und hielten sie fest. Der Zuschlag tobte, heulte und brüllte, die Dr. Killich tobte und brüllte. Der Zuschlag war so wütend, dass er den Notruf wählte, kaum dass er wieder ein wenig Luft schnappen konnte. So kamen die beiden Polizisten ins Spiel.

Wie auf der Polizeischule gelernt, wirkten sie beruhigend auf die Kontrahenten ein. Dabei erfuhren sie große Unterstützung von einigen Partygästen, die ihr Pulver wohl schon verschossen hatten und sich mehr oder weniger ausgelaugt um die Gruppe geschart hatten. Ausgerechnet dem dicken Staatssekretär Hocker gelang es schließlich, den Zuschlag wieder herunterzuholen. Ob und welche politischen Zugeständnisse dabei eine Rolle spielten, sei dahingestellt. Jedenfalls konnten die Polizisten mit der Frau Dr. Killich abziehen und alles war wieder gut.

„Ah, da ist ja mein Lebensretter!“ Dr. Killich warf die Zigarette ins Blumenbeet und öffnete die Tür zu ihren Praxisräumen. „Kommen Sie, bringen Sie das Tier hinein!“ Herbener und Furgall trugen den Waschbar auf der Plane in das Behandlungszimmer. Dr. Killich hielt immer noch die Tür auf. Als Herbener an ihr vorbeiging, blinzelte sie ihn fröhlich an. „Nein, das nicht.“, dachte Herbener. Wieder holte ihn die Vergangenheit ein. Nach dem Abenteuer im Dillicher Schloss hatte die Frau Dr. ihm noch ziemlich zugesetzt. Wochenlang hatte er kämpfen müssen, um die wilde Frau davon zu überzeugen, dass er für sie nicht zu haben war. Wenn er zu dieser Zeit nicht genügend Rückendeckung durch einige laufende Bekanntschaften gehabt hätte, wer weiß, wie lange er noch hätte durchhalten können. „Keine Sorge, Süßer! Deine Zeit ist vorbei!“ Frech klopfte sie ihm auf den Hintern. Sein Kollege staunte.

Von hinten drängten Irene und Herr Schmeltzer in die Praxis. “Warum stehen Sie hier denn noch rum?” Irene hatte es eilig. So viel Zeit war schon verloren gegangen durch die Unfähigkeit der bescheuerten Staatsdiener. “Tun Sie doch was! Tun Sie doch was!” Dr. Killich fühlte sich in ihrer Berufsehre gekränkt. Das war ihr noch nie passiert, dass man ihr mangelnde Einsatzbereitschaft vorwarf. “Hier bin ich der Chef. Ich entscheide was passiert, klar?” Ihr durchdringender Blick brachte Irene zum verstummen. “Und nun legt das Tier endlich auf den Behandlungstisch!” fuhr sie den Herbener und seinen Kollegen an. Denen waren die Arme schon ganz schön schwer geworden. Schnell legten sie den Waschbär samt der Planenunterlage auf den Tisch. Frau Dr. Killich schob die beiden Polizisten zur Seite und besah sich das Tier. “Ja seid ihr denn total bescheuert? Wollt ihr mich verarschen, oder was?” Dr. Killich war durchaus eine Meisterin der direkten Rede. “Wer ist denn auf die tolle Idee gekommen, mir eine Waschbärleiche zur Behandlung zu bringen?” Wütend blickte sie mit vor Wut funkelnden Augen die vier Anwesenden an. “Verarschen kann ich mich auch alleine! Dass ausgerechnet du bei dieser Scheiße mitmachst, macht mich echt fertig!” Ihr Zeigefinger tippte die Brust von Herbener. Sein Kollege war entsetzt. Wie redete die denn? Immerhin waren sie Polizeibeamte im Einsatz und verdienten Respekt und keine Beleidigungen! Herbener hingegen war die Ruhe selbst. “Lass mal, Bernd. Die Frau Doktor meint es nicht so.” An Irene und Herrn Schmeltzer gewandt meinte er: “Vielleicht gehen Sie beide mal vor die Tür und lassen die Frau Doktor ihre Arbeit machen?” Irene gefiel das überhaupt nicht. “Das ist keine Leiche! Der arme Kerl lebt noch und braucht Hilfe! Schauen Sie doch mal genau hin, da haben sich gerade die Schnauzhaare bewegt!” Interessiert beugte sich Dr. Killich über das Tier. Sie richtete sich auf und rief: “Ach, du Scheiße! Wirklich! Los, jetzt! Alle raus hier!” Alle drängten zur Tür. Dr. Killich fasste Herbener am Arm. “Du bleibst hier! Ich brauche Hilfe bei der Operation!” “Das kann ich doch auch machen”, schluchzte Irene. “Quatsch da. Der Herbener kann das. Außerdem stinken Sie zu sehr nach Pferdemist. Wenn Sie noch länger hier im Raum bleiben, kann ich auf das Betäubungsmittel verzichten. Allerdings kann dann niemand dem Tier helfen, weil wir alle ins Koma gefallen sind. Raus jetzt!” Entschieden schob sie bis auf Herbener alle hinaus. Sie lehnte sich mit dem Rücken an die geschlossene Tür und schaute Herbener nachdenklich und zweifelnd an. “Ich kann’s dir erklären”, sagte er schnell, um der Frau Dr. zuvorzukommen.

Dr. Killich schnitt ihm das Wort ab: “Stell’ dir vor, ich bin auch schon auf die Lösung gekommen. Deine Erklärung kannst du dir sparen.”

Herbener zog fragend die Augenbrauen hoch. Dr. Killich fuhr fort: “Es ist die stinkige Stalljacke von der Frau, stimmt’s? Ein wenig kriminalistischen Spürsinn habe ich auch!” Verdutzt runzelte Herbener die Stirn. Das war jetzt nicht das, was er als Antwort erwartet hatte. Lachend tätschelte ihm Dr. Killich die Wange. “Ach, Werner! Das war doch nur Spaß! So, nun erzähl’ mal, was die Tusse für ‘ne Klatsche hat. Ich ziehe dabei schon mal die Spritze auf!” Während Herbener ihr erzählte, wie es kam, dass der Waschbär bei ihr auf dem Tisch lag, wobei er die Rolle von Irene besonders hervorhob, erledigte Dr. Killich den Waschbär mit einer finalen Dosis Crezinopecan.

“So, das hätten wir. Der ist alle. Wie bescheuert kann man nur sein, zu hoffen ein wildes Tier mit solchen Verletzungen könnte man noch retten. Da waren so viele gestandene Männer. Auf die Idee, dem Vieh mal mit einem Spaten ordentlich einen zu verpassen, ist wohl keiner gekommen?” “Du hättest die mal erleben sollen”, erwiderte Herbener. “Wir waren ja schon die zweite Patroullie. Schurigel und Michels hatten schon die Nerven verloren wegen der hysterischen Ziege. Ich möchte allerdings nicht wissen, was unser Abteilungsleiter mit den beiden nun anstellt. Hauptsache, ich und der Furgall können die Sache jetzt gut beenden. Wir sollten die drei wieder reinholen.” Herbener ging zur Außentür und öffnete sie. Draußen standen Irene und Herr Schmeltzer eng beieinander, Hand in Hand. Wachtmeister Furgall lehnte gelangweilt mit dem Rücken an der Hauswand. “Na, wie sieht es aus?” fragte er. “Hat die Frau Doktor ein Wunder vollbracht?” Herbener sah ihn strafend an. Das war jetzt wirklich nicht sehr psychologisch geschickt von seinem Kollegen, die Frau – wie hieß sie doch gleich – Reparello mit ihrer Tierliebe lächerlich zu machen. Andererseits – drumherumreden und beschönigen hatte bestimmt wenig Zweck. Tief sog er die Luft zu einer Erwiderung und einer bestimmenden Erklärung an Irene ein. Noch fehlten ihm die Worte. “So, Leute! Das Vieh ist alle! Ihr könnt es wieder mitnehmen! Die zwanzig Euro für die Todesspritze gehen auf meine Kappe. Den Abdecker bezahle ich aber nicht! Jetzt holt das Tier mal raus hier. Irgendwann will ich auch mal Feierabend machen!” Dr. Killich stand hinter Herbener und steckte sich eine Zigarette an. Forschend sah sie zu Irene. Sie sah ihr an, dass gerade eine Welt für die Frau zusammengebrochen war. Leichenblass hielt Irene sich an Herrn Schmeltzer fest und fühlte erstmal nichts. Doch bevor sie sich fassen konnte und einen weiteren hysterischen Anfall bekam, machte Dr. Killich kurzen Prozess mit ihr. Sie trat dicht an Irene heran und blies ihr den Rauch des ersten Zuges ins Gesicht. “Was sind Sie nur für eine bescheuerte Kuh?” Irene krallte sich noch fester an Herrn Schmeltzer. Eine Gelegenheit zur Antwort bekam sie nicht. Dr. Killich redete sie in Grund und Boden. “So, haben Sie das endlich kapiert?” beendete sie nach einer gefühlten Ewigkeit ihre Schimpftirade. Beschämt nickte Irene und ließ sich von Herrn Schmeltzer zu seinem Wagen ziehen. Kaum waren sie fortgefahren, klatschten Herbener und Furgall zunächst langsam, dann immer schneller und lauter mit den Händen Beifall. “Nun hört schon auf, ihr Clowns!” Dr. Killich trat ihre Zigarette aus. “Bestimmt habe ich ihr jetzt die Psychiaterkosten für die nächsten zwei Jahre erspart. Schocktherapie nennt man so was. Lernt man an der Uni, Jungs. Und nun holt endlich mal das Vieh weg!”

Mit dem toten Waschbär im Kofferraum rollten die Polizeibeamten vom Grundstück der Tierärztin. “Das ist ja eine Granate.” Furgall sah den fahrenden Herbener von der Seite an. “Hattest du mal was mit ihr? Die war ja sehr freundschaftlich zu dir.”

“Alte Geschichte.” Herbener gab Gas und preschte durch die Vorstadt. “Sie war mal ‘ne ganze Zeit wild auf mich. Das hat sich aber gegeben.” Furgall starrte nachdenklich durch die Windschutzscheibe. “Würde mal sagen: da hast du Glück gehabt.” “Ja”, seufzte Herbener und beschleunigte den Omega noch mehr. Mit mehr als 80 Stundenkilometern raste er der Wache entgegen. “Denkst du eigentlich noch daran, dass wir ‘ne Leiche im Kofferraum haben?” Furgall blickte wieder zu Herbener. “Mit dem Vieh brauchst du gar nicht erst auf die Wache zu fahren. Wenn das der Obermeier mitkriegt, können wir den Kadaver auf eigene Kosten zum Abdecker bringen. Du weißt genau, was das für ein Paragraphenreiter ist.” “Du hast recht.” Herbener nahm den Fuß etwas vom Gas. “Hast du eine Idee, was wir mit dem Vieh machen können? Einfach in den Wald schmeißen wäre doch die beste Lösung, oder?” Furgall dachte nach: “Einfach, ja. Fahr doch mal da vorn rechts ab, da kommen wir an einem kleinen Waldstück vorbei.” Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: “Normalerweise hätte sich die komische Frau um den Kadaver kümmern müssen. Schließlich war sie es, die ihn angefahren hat. Ich hätte ja nicht übel Lust, ihr den Waschbär vor die Haustür zu legen.” “Du willst deine Pension aber noch erleben, oder?” erwiderte Herbener. “Wenn das rauskommt – und ich sage dir: das kommt raus – können wir uns als Privatdetektive selbstständig machen.” “Toll, das wollte ich immer schon” begeisterte sich Furgall. “Weißt du, wo sie wohnt?” Herbener verlangsamte das Fahrzeug und steuerte in die Bucht einer Bushaltestelle. “Wieso hältst du hier an? Bis zum Wald sind es noch 3 Kilometer.” Herbener holte tief Luft. “Verarsch’ mich nochmal und du kannst dir einen anderen Partner suchen.” Er schaltete die Scheinwerfer aus und sah sich prüfend um. Die Haltestelle lag zwischen der Stadt und Dillich, an der Zufahrtsstraße zu einem Gutshof, der 2 Kilometer von der Landstraße entfernt hinter drei Hügeln lag. Alles war ruhig und lag in tiefer Dunkelheit. “Genausogut können wir das Vieh auch gleich hier lassen.” Herbener stieg aus, ging zum Heck des Wagens und machte den Kofferraum auf. Aus einem Seitenfach nahm er zwei Paar Einweghandschuhe und zog sich ein Paar über. “Los, Peter. Pack mal mit an!” Zusammen nahmen sie die Leiche heraus. “Und jetzt?” fragte Furgall. “Sollen wir den einfach in den Graben schmeißen?” Herbener grinste. “Du hast mich da auf eine Idee gebracht. Pass mal auf!” Er packte das tote Tier im Genick und trug es zur Sitzbank des Bushaltehäuschens. “Halt mal die Taschenlampe hoch, ich seh’ nichts.” Nach wenigen Minuten trat Herbener zurück und betrachtete sein Werk. Der Waschbär hockte auf der Bank wie ein Mensch. Sitzend, die Hinterläufe breit nach vorn gespreizt, die Vorderpfoten lagen auf dem Bauch und umschlossen die aus der offenen Bauchdecke ragende Darmschlinge. Das Maul war leicht geöffnet und die bläuliche Zunge hing schlaff heraus. “Nicht schlecht, Alter!” rief Furgall bewundernd. “Herr Bär wartet auf den Landbus!” Plötzlich strich ein Lichtstreif über die Szenerie. Erschrocken drehten sich die Dramaturgen um. Es waren die Scheinwerfer eines sich nähernden Autos. Schnell warfen sie dir Handschuhe in den Kofferraum, die Plane dazu und sprangen in den Wagen. Bevor das nahende Auto nach zwei Steigungen und drei Hügeln die Haltestelle erreichte und vorbeifuhr, war der Polizeiwagen schon längst außer Sicht.

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