Krznfach

Diese Geschichte entstand aus der undeutlichen Artikulierung des Satzteils „Kurt sein Fach“. Wer ihn so aussprach, dass er wie “ krznfach“ klang, ist nicht mehr bekannt.

Krznfach

Krznfach ist eine neue Sportart. Sie entstand in den Elendsvierteln von München. Komme niemand mit dem Spruch, in München gäbe es keine Elendsviertel. Was ist denn Schwabing sonst? Muss denn Elend immer Körperliches und Bauliches meinen? Ich meine: Nein. Als wenn es kein geistiges Elend gibt! Und das finden wir vorzugsweise eben in Schickimickisiedlungen, das ist doch klar.

Dieses Krzfnach hat so ein Elender erfunden, der als lebensfroher Sohn eines superreichen Stinkstiefels nichts anderes zu tun gehabt hat, als die weiblichen Angestellten seines Daddys zu vögeln. Als er mal wieder so richtig schön berauscht von gutem Koks und Whiskey pur war, lief er gegen den Pfosten einer Teppichklopfstange. Die heutige Jugend wird so etwas nicht mehr kennen. Damals, als noch Mietskasernen gebaut wurden, in denen Leute lebten, die noch keinen Staubsauger hatten, gab es diese Dinger in jeder Außenanlage.  

Jedenfalls befand sich die Teppichklopfstange gleich neben dem Wäscheleinenplatz und dem Zugangsweg zur Haustür der duften Biene, mit der er sich die ganze Nacht im Vergnügungsviertel Münchens herumgetrieben hatte. Der Rumms gegen die Stange hatte ihn genügend ernüchtert, um dem Mädel nochmal seine Potenz beweisen zu wollen. Das fand das Mädchen aber nicht gut und hat gesagt: Du bist so besoffen, du kannst bestimmt keinen einzigen Klimmzug machen.

Der elende junge Mann zog sich an der Teppichklopfstange hoch. Übermütig stützte er sich auf die Stange und beugte den Oberkörper  für einen Umschwung nach vorn. Da knallten die Drogen aber voll in ihn rein. Er sackte zusammen, und blieb bäuchlings auf der Stange hängen. Bei Sonnenaufgang hing er immer noch, splitterfasernackt. Das Mädel hatte ihm, richtig gemein, alle Sachen ausgezogen und war schlafen gegangen.

So fand ihn ein mittelprächtiger Sportlehrer. Der war sehr begeistert von der Hängefigur. Sofort veranlasste er eine Studie, die den Gesundheitsaspekt dieser abgehängten Körperhaltung erforschen sollte. Das Ergebnis war sehr gut. Die Berichterstattung in der Blödzeitung mit vielen schönen Fotos sorgte für den deutschlandweiten Nachahmeffekt. Alle Leute wollten das sofort selbst ausprobieren.

Heute juckt es niemanden mehr, wenn nackte Leute stundenlang über Gartenzäunen, Stuhllehnen oder anderen Gegenständen hängen. Mittlerweile gehören Teppichklopfstangen zur Mindestausstattung jedes Mehrgenerationenplatzes. Ihr wisst schon, wo die alten Leute noch so ein bisschen mit komischen Geräten rumturnen können. In manchen Städten werden die Abhängestangen (so heißen die jetzt im deutschsprachigen Raum. Klingt viel besser und trefflicher als „drop-rod“, was die Amis dafür sagen) mitten in Fußgängerzonen aufgestellt. Vorbeigehende sind angehalten, den Hängenden ruhig ein bisschen auf den Popo zu klopfen. Wegen der Durchblutung. Gemeine Stimmen behaupten, vorzugsweise alte geile Säcke würden das gern bei Frauenpopos machen. Das ist noch nicht so richtig erforscht. Fakt ist, beides macht Spaß: Krznfachen und Popoklopfen. Es ist so wunderbar, sich mal so richtig schön hängen zu lassen. Du aktivierst Muskeln, da hast du vorher gar nicht gewusst, dass es die gibt. Das Blut schießt in den Kopf und das Denken … ja das Denken macht wieder richtig Freude! Hinterher, wenn alles vorbei ist (eine halbe Stunde muss das schon mindestens gemacht werden und am besten da, wo gute Popoklatscher sind), braucht es am besten jemand, der einen von dem Gerät wegzieht. Es macht nämlich süchtig! Das hat die Blödzeitung nicht geschrieben. Es ist wichtig, dass einem das gesagt wird, sonst bleibt im Hirn alles beim alten oder wird noch schlimmer, wenn man sich selbst beim Hängen vergisst. Es soll schon Todesfälle gegeben haben, aber mein Gott, die gibt es auch beim Fußballspiel. Also: Krznfach mal wieder!

Ori

Samstag, morgens

Ori war tot.

Der Kleine lag reglos hinter der Tür des Hasenstalls.

Die anderen sprangen in Vorfreude auf ihre morgendliche Fütterung hin und her. Die dicke Wilma hoppelte auf Oris Flanke. Dem toten Hasen entwich ein letzter Pups.

Erwin hielt die Luft an. Erst nach vorsichtigem Schnuppern kam er näher, um durch den engen Draht der Tür einen besseren Blick zu bekommen. Komisch. Äußerlich konnte Erwin nichts erkennen.

Dass Hasen sich gegenseitig totbeißen können, darüber stand etwas in einer Ausgabe der Zeitschrift »Mein Haustier«, die er vor ein paar Wochen im Wartezimmer seiner Zahnärztin unter einem Stapel Modejournale herauszog. Den Artikel fand er dermaßen spannend, die Zahnarzthelferin musste Erwin dreimal aufrufen, so sehr war er in die Lektüre vertieft. Vor allem bei Nahrungsknappheit und extremer Unterernährung sollte es vorkommen: Hasenkannibalismus.

Die Vorstellung, seine lieben Hasen könnten Ori getötet haben, war unvorstellbar! Alle Tiere sahen wunderbar rund aus wegen der üppigen Speisekarte! Erwin öffnete die Tür des Stalls, nahm das tote Tier vorsichtig hoch und untersuchte es gründlich. Keine erkennbaren äußere Verletzungen. Sanft drückte er Ori an die Brust. Weich und seidig wie ein Plüschtier. Der schlaffe Körper gab etwas Wärme ab.

Über das Fell streichelnd sagte er leise:

»Du Armer. Was ist denn mit dir passiert?«

Gestern, bei der Versorgung der Hasen kurz vor Sonnenuntergang, hatte der süße Ori zwei Extrakarotten bekommen. Die erste fraß er Erwin gleich aus der Hand. Mit der zweiten verzog sich der Kleine in eine Ecke, um sie in Ruhe zu verzehren. Kerngesund war das Häschen. Kein Wunder bei den vielen Vitaminen.

Der plötzliche Tod war Erwin ein Rätsel. »Wenn Kevin und Miriam davon erfahren, wird es Tränen geben.«

Mit der rechten Hand hielt Erwin das Tier vor den Bauch gedrückt, mit der Linken zog er ein Büschel Stroh unter dem Hasenstall hervor. Sorgfältig breitete er es in der nebenstehenden Schubkarre aus. Den toten Ori legte er auf die weiche Unterlage und betrachtete sein Werk.

»Ein bisschen sieht er aus wie Jesus in seiner Krippe. Fragt sich nur, wer ich bin – Ochs oder Esel?«

Der große, hart und selbstsicher erscheinende Mann konnte auch sentimental sein. Versonnen streichelte er mehrmals über Oris weiches Fell und kraulte den Kopf ein wenig zwischen den schlaff herunterhängenden Löffeln. Dies hatte das Tier besonders gern gemocht. Kevin, der sechsjährige Sohn, war aber der beste Zwischen-den-Ohren-Streichler. Kevins Streicheltalent entlockte Ori Töne, ähnlich dem Schnurren einer Katze. Die schwarzen Äuglein waren bei der Liebkosung weit geöffnet und schimmerten in feuchtem Glanz. Wenn Miriam, seine große Schwester, das Gleiche tun wollte, war er immer zappelig und in Fluchtbereitschaft, weil die Neunjährige sehr rabiat zugriff. Erwin traten Tränen in die Augen, als er daran dachte, wie die Kinder den plötzlichen Tod von Ori aufnehmen würden.

Mit Blick auf die Armbanduhr stellte er fest, dass bis zum Aufstehen der Kinder Zeit blieb. Die Ziffern zeigten erst halb sechs an. Recht früh für einem Samstag mitten im Mai. Gestern Abend hatten die Beiden mit ihren Freunden lange auf der Straße gespielt. Völlig erschöpft fielen sie in die Betten.

Erwin gab den anderen Tieren ihr Futter, füllte die Wasserflasche und befühlte durch die Puma-Jogginghose gedankenlos den lästigen Pickel.

Unsicher befingerte er die infizierte Pobacke. Die Untersuchung erfolgte gründlich. Gerade als Erwin erleichtert eine beginnende Eintrocknung feststellte, ließ ihn das metallene Zuschlagen einer Gartentür einige Häuser entfernt aufschrecken.

Mit hochrotem Kopf blickte er um sich. Gleichzeitig ließ ihn ein Stechen am Herz die Luft anhalten. Die Hand flog aus der Hose zur Brust. Er versuchte, vorsichtig ein- und auszuatmen. Erst langsam, dann mit immer tieferen Atemzügen. Das half. Nur noch ein leises Prickeln war in der Herzgegend zu spüren. Erwin schwitzte in der morgendlichen Kühle.

Der Termin beim Internisten stand für übernächsten Mittwoch fest. Nach dem ersten Ereignis Anfang Januar war dies der dritte Anfall innerhalb eines halben Jahres. Langsam bekam er Angst.

»Wenn es kommt, dann aber dicke!« dachte er.

Erst das Herzproblem, danach der Pickel am Po, jetzt der tote Ori. Das hätte ihm noch gefehlt, beim Herumfummeln am Hintern erwischt zu werden! Mindestens zwei Nachbarn hatten einen guten Einblick in seinen Garten. Davor hatte ihn Frau Kilian hoffentlich rechtzeitig bewahrt.

Die schwergewichtige Zeitungsausträgerin übte ihre frühmorgendliche Tätigkeit alles andere als rücksichtvoll aus. Der Lärm, den die Müllwerker alle vierzehn Tage machten, war nichts im Vergleich zu dem Krach, mit dem Frau Kilian in ihrem Austragbezirk unterwegs war. Die Zeitungen transportierte sie in einem Fahrradanhänger, den sie hinter sich her zog. Wenn sie schlurfend eine Zustelladresse erreichte, glitt ihr immer die Deichsel des Karrens aus der Hand. Der Anhänger schlug scheppernd mit der Vorderkante auf das Straßenpflaster.

Erwins Freund Horst, der zwei Straßen weiter wohnte, regte das kaum auf.

»Besser wie ein Wecker mit Schlummerfunktion«, hatte er Erwin erklärt. Eine halbe Stunde dauerte es vom ersten krachenden Aufsetzen des Anhängers bei Erwin im Tulpenweg bis zum Finale vor Horsts Haustür in der Brüder-Grimm-Straße. Dreizehn Abonnenten, dreizehn Rappelschläge, einer lauter als der andere. Dann war Zeit zum Aufstehen.

Nebentöne, wie das Zuknallen von Gartentüren und Briefkastendeckeln, vervollständigten das Klangereignis, das Frau Kilian den Dorfbewohnern jeden Morgen, außer Sonntags, bescherte.

Erwin blickte zu den Nachbarhäusern. Bei allen Fenstern, von denen aus der Garten einsehbar war, deuteten die geschlossenen Rollos auf tiefen Schlaf der Hausbewohner hin. Das war beruhigend. Gegenüber seinem ungeliebten Nachbarn, dem widerlichen Stinkstiefel Hartmut Hass, wollte Erwin sich keine Blöße geben. Wie konnte er nur so leichtsinnig sein! Wenn der Hass das beobachtet hätte! Jedes fiese Grinsen dieses Widerlings könnte ab jetzt: ›Ich habe gesehen, was du getan hast‹ bedeuten. Das Gespött der Nachbarschaft wäre ihm sicher. Der Hass war richtig gut im Leute-gegeneinander-aufhetzen.

Erwin seufzte. Immer den Anstand wahren zu müssen, selbst auf dem eigenen Grundstück, empfand er als anstrengend. Zum Glück wuchs in der südöstlichen Gartenecke, neben dem Hasenstall, eine kleine Gruppe Haselsträucher. Ein schönes Versteck, in dem der Frühaufsteher nach dem Versorgen der Hasen, hin und wieder seinen Morgenurin abschlug. Die Brennnesseln wuchsen üppig. An Regentagen roch es ein wenig wie Salmiak. Niemand ahnte bisher das Geheimnis. So sollte es bleiben.

Der Ori. Der war in der Aufregung völlig in Vergessenheit geraten. In der großen Gartenschubkarre sah der Hase recht mickrig aus. Obwohl Erwin sich Mühe gegeben hatte, die Hasenleiche stilvoll auf die Strohunterlage zu legen, gab er keinen schönen Anblick ab.

»So kann das nicht bleiben! Der muss später beerdigt werden. Dafür brauche ich einen Sarg.«

Er ließ die Karre stehen. Zunächst ging er auf der Suche nach passendem Material für den Hasensarg in die Garage. Das Wandregal enthielt jede Menge Kisten. Alle voller wichtiger Sachen wie Schrauben, Farben und Utensilien zur Wagen- und Gartenpflege. Aber obenauf in der offenen Altpapiertonne lag ein Schuhkarton. Prüfend nahm er die Schachtel heraus. Die Pappe sah stabil aus. Neugierig schaute er auf das Markenzeichen: Wanderschuhe von Luigi Askari, Größe 38.

Erwin wunderte sich über den Fund. Üblicherweise warf Marga solche Dinge einfach aus der Küche durch die Verbindungstür zur Garage. Ordentliches Wegräumen überließ sie gern ihrem Mann, der darüber nie ein Wort verlor.

»Seltsam. Was ist denn mit der los? Hat sie ein schlechtes Gewissen oder will sie was Bestimmtes von mir?« Beinahe wären seine Gedanken in etwas sexuelles abgerutscht.

In einem Anflug kreativer Inspiration stieg er die Treppe zum im Keller hinab. Dort unten hoffte er Besseres als den Schuhkarton zu finden. Die einfache Pappschachtel schien ihm als Sarg für den kleinen Ori sehr einfallslos. Eine stabile kleine Holzkiste wäre gut.

Als Erstes fielen ihm die neuen Flaschen im Weinregal auf. Also war sie gestern nicht nur wegen der Schuhe einkaufen. Enttäuscht wanderte sein Blick weiter auf die in der Ecke stehende Bierkiste. Ein einsames ungeöffnetes Fläschchen inmitten vieler geleerten. Erwin weitete die Augen. Blinzelte der Kronkorken ihm gerade zu? Kurz überlegte er, die Flasche Bier sofort hinunterzustürzen. Vielleicht könnte er mit ein wenig Alkohol das nachher zu erwartende Geheule der Kinder besser verkraften?

»Nein. Es reicht, wenn die Alte trinkt!«

Wer weiß, wieviel ehelicher Frust nach 15 Ehejahren in diesem Satz, heimlich und ungehört im Keller hervorgestoßen, aus ihm herausbrach? Tatsächlich war Margas Alkoholgenuss moderat. Eine Kiste Wein mit 6 Flaschen reichte ihr fast vier Wochen. Erwin trank fast nichts. Diese Kiste Bier stand seit Silvester unverändert.

Es war keine Holzkiste da. Statt dessen sah Erwin zwischen den eingemachten Marmeladengläsern 2 Kisten mit ihm unbekannten Inhalt. Erwartungsvoll zog er die erste aus dem Regal. Klasse! Darin war der Christbaumschmuck, in der anderen gebrauchtes Geschenkpapier.

Die Schuhschachtel wurde zu einem schönen Hasensarg. In der Werkstatt beklebte er den Karton mit dunkelblauem Geschenkpapier. Ein Stück silbriges Kreppband, gefunden in der Kiste mit den Weihnachtskugeln, band er zu einer Schleife und klebte sie auf den Sargdeckel. Den mittlerweile leichenstarren Ori legte Erwin auf den mit Stroh ausgelegten Kartonboden.

»Die Augen sind ja noch offen«, sagte er leise.

»Na, das dürfen nachher die Kinder machen!«

Margas übliche Zeit aufzustehen kam näher. Erwin schob den Sarg in ein Regal, ging in die Küche und deckte den Frühstückstisch. Eine erste Tasse Kaffee schlürfend, las er die Tageszeitung.

»Morgen, Schatz!«

Marga stand im Bademantel hinter ihm, gähnte ausgiebig und küsste seinen Nacken.

»Gut geschlafen, Erwin? Du bist so früh aufgestanden.«

Verschlafen nahm sie gegenüber von ihm am Tisch Platz und füllte ihre Tasse. Halbgeöffnete Augen blickten zu dem Subjekt ihrer Begierde.

»Weißt du, woran ich denke?« Sie sprach leise und seltsam tonlos.

Erwin beugte den Oberkörper nach vorn, vorgeblich, um einen Artikel besser lesen zu können. Der sinnliche Klang der Frage versetzte ihn in Alarmbereitschaft. Den dazugehörigen Gesichtsausdruck kannte er zur Genüge und er hasste ihn. Margas feuchte Zunge fuhr über die Lippen. Ihr Blick war sinnlich trübe, fast verklärt.

»Bevor unsere Kinder kamen, sind wir am Wochenende manchmal kaum aus dem Bett gekommen.«

Erwin lehnte sich zurück und blickte von seiner Zeitung auf. Wenn er sie jetzt ignorierte, könnte sie ihm das Wochenende zur Hölle machen. Das war nichts Neues.

»Bitte nicht schon wieder!« dachte er.

Die Lust auf diese Frau war ihm abhanden gekommen. Die Lust auf jede Frau. Einmal fragte er sich, ob er latent schwul sei, doch Gier auf Männer war ihm fremd. Er hatte es einfach satt: das ganze Gemache mit Bumsen, Wichsen und so. Hin und wieder in den Morgenstunden ein spontaner Samenerguss war Beweis für das Funktionieren der biologischen Grundfunktionenen. Seine Asexualität war ihm zwar unerklärlich, er akzeptierte sie aber problemlos. Marga wusste darüber Bescheid. Trotzdem musste sie wegen der eigenen Sehnsucht ihren Kerl manchmal auf die Probe stellen. Eine schwierige und anstrengende Situation. Glücklicherweise beanspruchten die Kinder so viel Zeit der Eltern, dass die Gegensätzlichkeit der Ehepartner im Hintergrund schwelte. Meistens. Heute morgen nicht.

»Mami, der Kevin hat Tusse zu mir gesagt!«

Erwin stand ruckartig vom Tisch auf, froh über die willkommene Störung. Miriam kam die letzten Stufen der Treppe hinunter und stürzte in seine offenen Arme. Marga presste enttäuscht die Lippen aufeinander.

»Wo ist der Kevin? Ist er in seinem Zimmer?«

Erwin streichelte seiner Tochter das Haar.

»Ich rede gleich mit ihm. So etwas soll er nicht sagen. Obwohl…«

Schmunzelnd nahm er ihren Kopf in die Hände.

»Wenn du wirklich eine Tussi bist, dann jedenfalls eine sehr süße!«

»Papi!«

Lachend zog er sie an den Tisch.

»Komm, iss erst mal was.«

Plötzlich fiel ihm Ori ein. Die gute Laune war weg.

»Übrigens…ich war heute Morgen schon am Hasenstall und…«

Misstrauisch wurde er von Frau und Tochter beobachtet.

»Mein Gott!«, dachte Erwin. »Ist das schwer!«

Vorsichtig fuhr er fort:

»Als ich die Tür öffnete, fiel mir gleich auf, dass was komisch war. Die Hasen hoppelten alle so aufgeregt herum, und dann sah ich auch den Grund. Der Ori war gestorben.«

»Nein!« schrie Miriam.

»Ori kann nicht sterben! Du hast gesagt, das ist unser Hase, der wird nicht gegessen! Du Lügner!«

Dicke Tränen liefen und sie trat nach seinen Schienbeinen.

»Miriam! Ich habe keine Ahnung, warum der Ori tot ist. Ich bin unschuldig. Gestern hat er schöne Karotten für die Nacht bekommen, da ging es ihm sehr gut. Vielleicht hat er einfach einen Herzinfarkt bekommen. Das kann passieren.«

»Das sage ich Kevin!«

Miriam lief auf die Treppe zu, um ihren Bruder zu wecken. Doch Kevin stand bereits oben.

»Was ist denn das für ein Krach? Ich wollte noch ein bisschen schlafen!«

»Kevin! Der Ori ist tot!«

Miriams Schrei war so laut, dass er vermutlich in der ganzen Siedlung zu hören war.

»Nein!«

Kevins Schrei gellte in der Küche.

»Doch!«

Erwins lauter Ausruf war wie ein Donnerschlag.

»Meint ihr, ich mache mit so was Spaß? Kommt, ich zeige ihn euch!«

Die Kinder und Marga folgten ihm in die Garage. Erwin nahm den Hasensarg aus dem Regal.

»Ist er da drin?«

Miriams Stimme war ein leises Flüstern.

Ihr Vater nickte. Zusammen brachten sie den Karton in die Küche. Vorsichtig stellte Erwin ihn auf der Tischplatte ab. Die Familie stand ehrfürchtig um den Tisch und sah gespannt zu, wie er den Deckel hob. Beim Anblick des toten Hasen fingen die Kinder gleich wieder an zu heulen. Marga zog Erwin zur Seite.

»Sag« mal…das ist doch der Schuhkarton von meinen Wanderschuhen? Das hast du aber gut gemacht!«

Stolz küsste sie Erwin auf den Mund. Schmunzelnd sagte sie:

»Du zeigst ja versteckte Qualitäten! Der Sarg ist so schön! Ich hätte nie gedacht, dass du zu so was fähig bist.«

Das Lob geschmeichelte Erwin. Er wurde rot und seine Körperhaltung straffte sich. Er war Tarzan, der Jane aus einer lebensgefährlichen Situation befreite und dafür die Belohnung bekommt – durch die Art, wie sie ihn ansieht.

Inzwischen hatten Kevin und Miriam den Ori aus der Kiste genommen und ordentlich abgeknutscht. Das Ergebnis war ein nasses, von ihren Tränen verklebtes Fellbündel. Ori sah aus, als wäre er versehentlich in der Waschmaschine mitgewaschen worden.

»Kommt, wir rubbeln ihn ein wenig ab und bringen ihn in den Garten!«

Resolut nahm Marga die Sache in die Hand.

»Der Papa kann ja schon mal ein schönes Grab für ihn ausheben! Miriam, sei so lieb und hol den Föhn aus dem Bad. Damit kriegen wir ihn bestimmt ganz schnell trocken.«

Während seine Frau und die Kinder Ori hübsch machten, nahm Erwin einen Spaten und ging in den Garten. Suchend sah er sich nach einem guten Platz für die letzte Ruhestätte von Ori um. Die beste Wahl wäre die Pinkelecke. Davon kam er sofort ab, da er sie liebend gern noch ein wenig nutzten wollte.

»Auf ein Grab pinkeln macht man nicht.«

Dort drüben: die Hecke zu seinem widerlichen Nachbarn Hartmut Hass. Das könnte gehen.

Der hieß mit Nachnamen nicht wirklich Hass, sondern Hasenfuß. Seit einigen Nachbarstreitigkeiten hatte Erwin, insgeheim den Nachnamen auf »Hass« reduziert. Einmal entfiel ihm der Name in Gegenwart seiner Kinder.

»Der Hass hat wieder …« Mit vielen verbalen Verrenkungen war es ihm gelungen, die Kinder abzulenken.

An der Ligusterhecke grub er ein kleines Loch. Sicherheitshalber schaute er mehrmals zum Nachbarhaus hinüber. Sicher schlief der Hass noch. So fies wie der drauf war, könnte er gewaltig Ärger machen, wenn er rausbekam, dass unmittelbar an seiner Grenze ein Tierkadaver verbuddelt war.

»Soll er doch. Und von wegen: Tierkadaver«, dachte Erwin.

»Das wird eine richtig schöne Beerdigung für den lieben Ori!«

In der Kücher sah es aus wie beim Friseur. Überall flogen Fellflusen herum.

»Guck mal, Papa! Der Ori sieht sooo süß aus!«

Miriam zog ihren Vater zum Küchentisch. Erwin war überrascht, wie lebendig und flauschig der Ori aussah. Nur den an trüben Augen war der Tod zu erkennen. Die Unterlage aus weißer Watte ließ in ihm das Bild eines im Wolkenhimmel schlafenden Ori entstehen.

»Wer hat den schönen Kranz aus Gänseblümchen geknüpft?« Erwin bewunderte die Blumenkette um Oris Hals. Kevin bekam einen roten Kopf.

»Das hast du gut gemacht. Beide habt ihr das gut gemacht. Es ist ein schönes Himmelbett geworden! «, lobte Erwin. »Jetzt ist aber die Zeit gekommen, uns von Ori zu verabschieden. Wer will dem Ori die Augen schließen? Er soll doch so aussehen, als würde er nur schlafen, wenn er in den Hasenhimmel kommt. Kevin?«

Unter Tränen schüttelte Kevin den Kopf.

»Darf ich das machen?«

Marga trat näher an den Tisch. Niemand widersprach. Liebevoll strich sie mit der Hand die Augenlider herunter. Als sie die Hand wegnahm und der Hasenkopf wieder sichtbar wurde, sah es so aus, als ob sich das Häschen, müde vom vielen Hoppeln, kurz für ein kleines Nickerchen hingelegt hätte. Allerdings fing er an, etwas aufdringlich zu riechen. Es war ein Duft, vom Grundton wie ein Karnickelfurz, jedoch blumiger, süßlicher. Der beginnende Geruch der Verwesung.

Erwin legte den Deckel auf den Karton.

»Wir müssen ihn noch zunageln!« meinte Kevin. »Das hab« ich mal im Fernsehen geguckt, dass man das macht!«

Bevor Marga überlegen konnte, welche Sendung es gewesen sein könnte, sagte Erwin: »Das wird mit der Pappe nicht gehen. Ich hole mal den Tacker aus der Werkstatt.«

Die Beerdigung wurde sehr schön. Wie im richtigen Leben ging die Familie mit langsamen Schritten über die Terrasse und den Rasen zu der vorbereiteten Grabstätte. Kevin und Miriam waren die Sargträger. Der fleißige Vater musste ein wenig nacharbeiten, weil das Loch viel zu klein war. Zuletzt durfte jeder mit einer kleinen Schaufel etwas Erde auf den Deckel werfen und einen letzten Gruß an das Tier richten.

»Nachher bauen wir ein schönes Kreuz für ihn, ja?«

Marga sah Erwin fragend an. Der zuckte nur die Schultern. So ein Gebilde wäre ein deutliches Signal für den Hass. Aber was sollte er machen?

»Vielleicht reichen ja auch ein paar Blumen?«

»Nein, Erwin, das reicht nicht. Die Pflanzen verwelken, doch ein Kreuz wird uns lange an den lieben Ori erinnern«, sagte Marga bestimmt.

»Ja, Papi, komm, wir fangen gleich an!«

Miriam nahm seine Hand und zog ihn zurück zum Haus.

»Langsam!« mahnte Erwin.

»Lasst uns erst einmal frühstücken. Ich habe wegen dem Ori fast nichts gegessen. Haben wir Nougatcreme in der Speisekammer?«

Später am Tag schmückte ein schlichtes Holzkreuz den kleinen Erdhügel an der Nachbargrenze. Auf der Querlatte stand, mit einem Lötkolben eingraviert: »Ori 21.5.2016«.

Sonntag, morgens

»Bronko! Komm sofort hierher!«

Hartmut lief auf dem feuchten Rasen auf den kleinen Terrier zu.

»Was hast du denn da? Gib das sofort her!«

Erschrocken über seine laute Stimme blickte Hartmut zum Nachbarhaus. Es war Sonntagmorgen, kaum 7 Uhr. Bestimmt schliefen alle Nachbarn noch. Hartmut wollte auf keinen Fall wegen morgendlichem Geschrei Ärger bekommen. Die nervliche Belastung durch die intime Enge der Wohnsiedlung machte ihm sehr zu schaffen.

Vom Leben auf dem Land hatte er sich mehr versprochen. Aufgewachsen in der Großstadt, war seine frühere Vorstellung vom Dorfleben ein Ideal. Freiheit, Weite, Abenteuer. Die Realität sah anders aus. In dieser Wohnsiedlung am Rand von Jesberg, einer kleinen Gemeinde zwischen Kassel und Marburg, konnte er niemals heimlich eine Stange Wasser hinter dem Haus abstellen. Oder am Hintern kratzen. Aus mindestens 5 Häusern heraus lauerten die lästigen Nachbarn auf so eine Gelegenheit.

Hartmut war der geborene Miesepeter. Immer unzufrieden. Mit sich, mit seiner Umgebung. Statt Freude am Erbe seines Onkels zu haben, haderte er oft mit seinem Schicksal.

›Not enough room to swing a cat!‹

Der Spruch aus einem Comic des berühmten amerikanischen Zeichners Robert Crumb fiel ihm immer ein, wenn er an diese unglückliche Situation dachte.

»So einen Hasenstall wie der doofe Erwin müsste ich haben«, überlegte er.

»Dahinter lässt sich bestimmt gut abstrullern. Das kann niemand sehen.«

Neidisch blickte er zum Nachbargrundstück.

Eine kalte Berührung am Fuß riss ihn aus den Gedanken.

Bronko saß schwanzwedelnd und hechelnd vor ihm. Die Beute lag auf Hartmuts nacktem Fußrücken. In einer spontanen Reaktion schleuderte er das scheußliche Etwas weit weg. Dabei rutschte der andere Fuß auf dem nassen Rasen aus. Hartmut beobachtete im Sitzen den Flug des seltsamen Dinges. Bronko flitzte hinterher. Wahnsinn! Der Hund rann extrem schnell, berechnete die Flugbahn. Rechtzeitig saß er vor dem Gartenzaun und sperrte das Maul auf, um das Ding zu fangen. Hartmut entfuhr fast ein Jubelschrei, so sehr begeisterte ihn die Leistung des kleinen Hundes. Langsam versuchte er aufzustehen. Auf allen Vieren kniete er im Gras, als Bronko seine Beute dicht vor Hartmuts Gesicht hin und her schüttelte. Die Besudelung mit ekligen Säften und feuchten Erdbrocken ließ ihn würgen.

Mühsam rappelte er sich hoch.

»Zeig, Bronko! Nein, lass los!«

Hartmut betrachtete die Beute des Hundes genauer. Eindeutig ein Hasenkadaver. Mit richtig viel Dreck am Balg. Wo könnte der Terrier das Ding ausgebuddelt haben? Bestimmt bei dem einzigen Karnickelhalter in der Siedlung, dem bescheuerten Nachbarn Erwin Klingelhöfer! Hartmut nahm dem Hund mit zwei spitzen Fingern den Kadaver ab und trug ihn mit ausgestreckten Arm auf die Terrasse neben den Grill. Hier waren die teuren Betonplatten durch Fettspritzer total versaut. Da kam es auf ein paar Flecken mehr nicht drauf an. Bronko sprang aufgeregt um ihn herum und wollte sich auf den Kadaver stürzen. Hartmut stülpte einen Eimer darüber und lenkte den Hund mit dem Wegwerfen seines Lieblingsbällchens ab. Während der Hund glücklich mit dem Ball spielte, schritt Hartmut prüfend die Grundstücksgrenze ab. Da, hinter der Ligusterhecke: Aufgewühlter Rasen! Daneben ein primitiv konstruiertes kleines Holzkreuz!

»Alle Achtung!«, dachte Hartmut.

»Gibt es jetzt einen Tierfriedhof in der Siedlung? Der hat eine richtige Macke, der Erwin. Wie bescheuert ist das denn, irgendein Karnickel gleich neben meinem Grundstück zu verbuddeln. Der weiß doch genau, wie empfindlich ich auf solche Verstöße gegen die guten Sitten und die Missachtung der gesetzlichen Vorschriften reagiere. Wenn ich ihn anzeige, wandert er in den Knast!«

Er brachte Bronko ins Haus. Im Arbeitszimmer setzte sich Hartmut an den Computer, um einen Brief an den Bürgermeister zu schreiben. Ungeduldig trommelten die Fingerspitzen auf die Tischplatte, bis der alte Rechner Betriebsbereitschaft anzeigte. Eine knappe Viertelstunde flogen die Finger über die Tastatur. Beim Buchstabieren des Wortes »Kadaver« bekam er Schwierigkeiten – und eine gute Idee! Eilig ging er auf die Terrasse.

Der tote Hase kam im Eimer in die Küche. Über den Küchentisch breitete er Plastikfolie und legte die Hasenleiche darauf. Sie stank fürchterlich.

Mit einer Wäscheklammer auf der Nase ging es ans Werk. Eine Stunde und zwei Schnäpse später lief er um den Tisch und bestaunte das Ergebnis von allen Seiten. Der Hase sah aus wie das blühende Leben. Gewaschen, getrocknet, gebürstet, gekämmt. Mit dünnem, fast unsichtbarem Gartendraht versteift, hockte der Hase auf den Hinterläufen und machte »Männchen«. Nur die offenen, trüben Augen passten nicht zu dem Gesamtbild karnickeltypischer Vitalität. Aber sonst… Hartmut war verdammt stolz auf sich.

Gut gelaunt summte er ein Liedchen und peilte von der Terrasse aus die Lage. Draußen war alles ruhig. Sonntags kam sein Nachbar selten vor 9 Uhr aus dem Haus um seine Hasen zu versorgen.

»No risk, no fun!«

Hartmut schnappte den Hasen vom Küchentisch. Kritisch sah er der Leiche in die toten Augen. Wo waren denn die LED-Leuchten der kaputten Kerzenkette?

Sonntag, vormittags

Verschlafen bemühte Erwin sich aus dem Schlafzimmer in die Küche. Was war das Gestern für ein beschissener Tag! Erst der tote Ori, dann die deswegen traurigen Kinder, die den ganzen Tag richtig genervt hatten, abends eine weintrunkene Marga, die ihm die Ohren wegen seiner Nichterfüllung ehelicher Pflichten vollheulte. Vor lauter Frust hatte er bis in die Nacht diverse Horrorfilme gesehen. Gegen seine Gewohnheit trank er 3 Flaschen Bier aus einem Sixpack von der Tankstelle. Ungewöhnlich spät war er an diesem Sonntagmorgen aufgestanden. Mittlerweile musste es mindestens 10 Uhr sein. Im Haus war es ruhig.

Mit einer Tasse Kaffee ging er in den sonnendurchfluteten Garten, um die Kaninchen zu füttern. Von der Terrasse aus sah er die Tiere aufgeregt sein Kommen erwarten. Es war richtig Stimmung in der Bude.

»Wenn heute wieder einer über Nacht verreckt ist, falle ich tot um«, sprach er leise vor sich hin, als er sich dem Hasenstall näherte.

Beim Anblick des wiederauferstandenen Ori, der gleich hinter der Maschendrahttür hockte, das Mäulchen anklagend aufgesperrt, die gelben Schneidezähne gebleckt, die Augen grell blitzend, verengte sich seine Brust.

Nach einem schnellen Seitenblick zu Oris Grab – es sah aus wie von innen heraus aufgebrochen – kam der zweite und letzte kalte Griff an das Herz. Beim Aufschlag seines schweren Körpers auf den Boden hatte ihn das Leben bereits verlassen.

Laura und das offene Ende

Laura war sauer.
»So ein blöder Arsch! Hoffentlich kriegt er den Schwanz abgebissen!«
Sie stürmte in das Büro, schmiss die Tür hinter sich heftig ins Schloss und warf sich in ihren Schreibtischstuhl. Mit hochrotem Kopf trommelte sie mit den Fäusten auf die Schreibtischplatte.
Bettina starrte neidisch auf Lauras Oberweite, die sich mit den fliegenden Armen rhythmisch auf und ab bewegte. Sie selbst war nicht so üppig gebaut, ihr Busen war fast keiner und viel Arsch hatte sie auch nicht in der Hose. Aber wenigstens volle, sinnliche Lippen in einem hübschen Gesicht und eine rauchige, tief klingende erotische Stimme. Wie Laura.
»Ich bin wie sie, nur ohne Titten und Arsch«, dachte sie und stellte sich wieder einmal vor, wie es wäre, wenn sie die üppigen Brüste von Laura streicheln würde und …
»Sag‘ mal, hörst du mir überhaupt zu?«
Ein Bleistift flog über die Schreibtische, traf mit der Spitze Bettinas Brust und fiel zu Boden.
»Aua! Hast du sie noch alle! Das hätte auch ins Auge gehen können!«
Wütend griff Bettina ihr Diensthandy und warf es Laura an den Kopf. Die versuchte noch auszuweichen, doch Bettina war einfach zu gut im Werfen. Schon immer gewesen. Jedes Jahr Erste bei den Bundesjugendspielen. Keine Titten, kein Arsch, alles nur strammes Muskelfleisch, gute Koordination und Reaktion. Daher kippte Laura leise seufzend aus dem Sessel, als das Handy sie voll an der Schläfe erwischte. Gerade in diesem Moment, als Laura auf den Boden rutschte und Bettina aufsprang, um sich den Schaden anzugucken, ging die Bürotür auf. Manni Kempf stürmte herein.
»Mädels! Habt ihr schon gehört? Der Ratzevogel will … was ist denn hier passiert? Laura?«
Doch da war Bettina sich schon an ihm vorbei um den Schreibtisch gestürmt und beugte sich über ihre Kollegin.
»Hol‹ mal den Verbandkasten aus dem Schrank im Flur!«
Bettina schob vorsichtig LaurasLockenpracht zur Seite und suchte nach der Kopfverletzung. Es war er nicht mal ein Kratzer zu sehen.
»Gutes Outdoorhandy mit Gummipuffer, danke schön«, murmelte Bettina und streichelte Laura an der verletzten Stelle, die sich leicht bläulich verfärbt hatte. Da bemerkte sie, dass Manni immer noch in der Tür stand. Hatte der jetzt die ganze Zeit auf ihren Hintern geglotzt?
»Manni, du Spanni, flitz‹ endlich los!«
Manni erwachte aus seiner Starre, machte den offenen Mund zu und lief raus. Im Flur vergewisserte er sich schnell, dass niemand zu sehen war, dann fuhr seine Hand in die Hose und rückte den halb erigierten Penis zurecht.
»Klasse, klasse!« flüsterte er heiser. »Von diesem Arsch werde ich heute Nacht träumen!«
Vor seinem geistigen Auge war immer noch der knackige kleine Frauenhintern und – verdammt verschärfend – eine Handbreit nackte Haut über dem Hosenbund, weil Bettinas Bluse sich beim Bücken über die bewusslose Laura extrem nach oben geschoben hatte.
Manni riss die Schranktür auf. Gähnende Leere. Nur ein handgeschriebenes DIN A4-Blatt an der Rückwand des mittleren Regals. Da stand in der krakeligen Schrift des Abteilungsleiters Ratzevogel: »Der Verbandskasten befindet sich nunmehr im Treppenhaus!«
Manni schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. Klar, im Zwischenpodest zum zweiten Stock! Schon seit zwei Wochen mindestens. Schwungvoll hastete Manni die Treppe hinunter, verschätzte sich, liebesblind wie er war, und vertrat sich auf den letzten zwei Stufen den Fuß. Plumps, da lag er. Ein stechender Schmerz fuhr durch seinen linken Fußknöchel. So viel Schmerz konnte er nicht ertragen, er wollte schreien, doch schnell übermannte ihn die Ohnmacht.
Erst am nächsten Tag wurde er von der Putzkolonne gefunden. Da war er schon lange aus der Ohnmacht erwacht, war aber total bewegungsunfähig, hatte Hunger auf Gehacktesbrötchen mit Zwiebeln, Durst auf Bier und hatte zweimal in die Hose gemacht.

***

Wie konnte es geschehen, dass Manni so lange seinem Elend überlassen blieb? Nun, die drei Protagonisten waren die letzten Angestellten im Bürogebäude an diesem Abend. Laura und Bettina wunderten sich zwar, weil Manni nicht wieder auftauchte, aber nur sehr kurz. Als Laura wieder zu sich kam, verliebte sie sich sofort in Bettina und Bettina fand Laura sowieso schon immer toll. Da hatten sie andere Sorgen, eigentlich keine mehr und sind schnell, ich glaube zu Laura in die Wohnung, um Matherätsel zu lösen und so. Sie benutzen den Fahrstuhl, sonst wären sie ja über Manni gestolpert und dann hätten sich die Ereignisse des Abends zumindest später abgespielt. Wegen sich kümmern müssen um den Manni und warten, bis er im Krankenhaus ist.
Wird Manni wieder gesund? Kriegt er vielleicht Depressionen und fängt eine Drogenabhängigkeit an?
War es Sommer oder Winter oder spielt das überhaupt eine Rolle? Könnte sein. Im Sommer ist es abends länger hell, da hätten die beiden Turteltäubchen noch einen schönen Spaziergang in den Sonnenuntergang machen können, ohne gleich zu frieren.
Hat Laura eine Briefmarkensammlung?
Kann Bettinas Handy noch telefonieren? Das ist eine weniger wichtige Frage.
Adoptieren die zwei später mal Kinder oder kriegen sie sich wegen irgendwas nach zwei Wochen wieder in die Haare und diesmal passiert am Ende ein Mord? Das wäre ja ganz schlimm.
Warum eigentlich kamen die Gebäudereiniger erst am nächsten Tag? Hatten sie einen Platten oder einfach nur schlechte Terminplanung?
Mit was haben sich Laura und Bettina, meinetwegen auch Manni, den lieben langen Tag im Büro beschäftigt?
Das sind so Fragen. Gibt noch mehr.
Irgendwann muss aber Schluss sein.
Jetzt.

Äintschi

Da war es wieder. Dieses sanfte Streicheln auf ihrer welken Haut, knapp oberhalb des Knies, sich langsam und behutsam, kaum spürbar und doch so erregend, an der Innenseite des Oberschenkel aufwärtsbewegend, mit leicht kreisenden Bewegungen, jeder Finger eine eigene Bewegung, die rauhe Handfläche mit leichtem, fordernden Druck: Geil. Jetzt war sie ganz wach und Frau. Sehnsüchtig erwartete sie den Zugriff auf die Muschi. Doch Herberts Hand erschlaffte und fiel auf die Matratze.

Äintschi schlug die Augen auf. Im morgendlichen Sonnenlicht, durch das halb heruntergelassene Rollo in das Schlafzimmer fallend, sah sie ihren Gönnergatten als schlaffes und restlos erschöpftes Wesen neben sich. Er hatte es tatsächlich im Halbschlaf schon geschafft und lag wieder in tiefstem Schlummer. Sein Problem mit dem vorzeitigen Samenerguss wurde immer mehr zum Problem für sie.

»Verdammt und verreckt!«

Äintschi schlug die Bettdecke zurück. Die Uhr auf dem Nachttisch zeigte sieben Uhr dreißig. Zeit zum Aufstehen. Doch zunächst die Morgengymnastik. Diese bestand bei ihr aus fünf Minuten Zehenwackeln. Heute kam sie jedoch nur auf viereinhalb Minuten, dann konnte sie nicht mehr.

»Bin wohl schlecht im Training«, dachte sie. »Das kommt von zu wenig Sex!«

Diesen Vorwurf richtete sie laut an ihren schnarchenden Herbert. Der schnarchte zufrieden vor sich hin. Mit einem letzten abfälligen Blick auf ihn stand sie auf. Gähnend ging sie zum Wäscheschrank und nahm sich eine frische Unterhose. Eine mit »Loch 18«-Aufdruck vorn, wo die Muschi dahinter ist. Von den Dingern hatte sie noch einen ganzen Karton auf dem Dachboden. Restbestände vom Vorgängerverein des Golfclub Temperwiesen in Arglau. Dort waren Herbert und sie Mitglied. Kurz befühlte Äintschi das schwarz aufgedruckte Loch, genau mittig über der Spalte. Ja, das tat gut. Doch dafür war jetzt keine Zeit. Punkt acht Uhr würde die Limousine vor der Tür stehen, um sie ins Kanzleramt zu fahren. Nach einer schnellen Dusche kleidete sie sich an. Schnell verschlang sie eine Schale mit dem guten Bergsteigermüsli. Da klingelte es auch schon an der Haustür. Das war bestimmt Kevin, ihr Lieblingschauffeur, Lieblingsmasseur und Lieblingsbodyguard, ein ganz toller Typ. Das Hausmädchen Liane, die gerade vom Gassigehen mit den beiden Merkelterriern zurückgekommen war, öffnete die Tür.

»Guten Morgen Liane. Ist die Chefin schon fertig?«

Bevor Liane antworten konnte, kam Äintschi in Socken aus der Küche.

»Nur noch die Schuhe, Kevin. Ist was? Du siehst so gehetzt aus.«

»Na ja, der Helge Braun hat gesagt, ich soll ein wenig schneller fahren. Es wäre ganz gut, wenn du heute etwas früher ins Amt kommst.«

»Da bin ich aber gespannt, was der Helge damit meint.«

Äintschi schnappte sich ihre Handtasche vom Tischchen an der Garderobe. Liane bekam einen kleinen Klaps auf den kleinen Hintern.

»Du kümmerst dich nachher wieder ein wenig um Herbert, gell?«

Dann fuhren sie. Liane überließen sie ihrem elenden Schicksal.

Im Kanzleramt angekommen, informierte Äintschi sich über den geplanten Tagesablauf. Prüfend überflog sie den Outlook-Kalender. Das konnte doch nicht wahr sein! Was war denn hier wieder schiefgelaufen? Per Kurzwahl gab sie die Nummer ihres Staatsministers ins Smartphone ein.

»Helge! Was soll das? Warum steht im Speiseplan ‚Nudeln mit Tomatensauce? Langsam glaube ich, ihr macht das mit Absicht. Nach 2 Amtsperioden solltet ihr echt wissen, was mich zum Kotzen bringt. Außerdem habe ich für heute Mittag eine kleine Planänderung. Statt Mittagessen in der Kantine und anschließendem Spaziergang im Botanischen Garten mit der neuen Leiterin. Ich glaube, ich muss dringend wieder eine Massage bekommen. Ist der Müller-Wohlfahrt noch in Berlin? Der wäre mir gerade recht dafür. Wenn nicht, ich probiere auch gern was Neues aus!«

Während Ihr Minister antwortete, nippte sie an einem Glas Wasser.

»Nein!«

Prustend und hustend spie sie das Wasser wieder aus.

»Das will ich schriftlich. Komm sofort her!«

Mit hochrotem Kopf lief sie ins Badezimmer und überprüfte ihr Aussehen im Spiegel. Durch die heftige Hustenattacke hatte sich eine Schleife in ihrem blondgelockten Haar gelöst und musste neu geknotet werden. Ansonsten war sie sehr zufrieden mir ihrem Äußeren. Sie zog die Lippen zurück, fletschte die Zähne.

»Rrrrh, ich bin eine wilde Tigerin!«

So richtig überzeugend fand sie ihr Spiegelbild nicht. Aber es half. Seit sie dieses Mantra mindestens 5-mal täglich ausübte, waren ihre direkten Untergebenen viel demütiger. Nur das Volk wollte von ihrer neuen Stärke nichts wissen und probte den Aufstand. Nur schlappe 28 % bei der letzten Landtagswahl in Sachsen. Die AfD fast genausoviel, 23 %. Der Rest hatte sie noch nie interessiert.

Sie verspürte eine gelinden Darmdruck und setzte sich, in staatslenkende Gedanken versunken, auf die Kloschüssel mit den lustigen Delfinen auf der Klobrille, die sich in blauem Lagunenwasser dreidimensional tummelten. Die waren ihr im Moment egal. Sie konnte sie sowieso nicht sehen, weil ihr üppiger Hintern den Ozean der Delfine in den Nachtmodus versetzt hatte. Ihr Grübeln über die schwere Staatskunst wechselte seltsamerweise zum Nachdenken über den Ozean.

»Wie groß, mächtig und ganz schön nass doch der Atlantische Ozean ist!«

Sie träumte sich in ein Flugzeug, unter sich das weite Meer, sie verlor sich fast in ihrem Traum, da fiel ihr das Ziel des Fluges ein: Washington, D.C.

»Ach du verbibschte Molekularstruktur!«

Das war ihr Lieblingsfluch aus alten Studentenzeiten, der noch nicht den Weg in die Boulevardpresse gefunden hatte. Da war sie stolz drauf. Stolz war sie auch auf ihre Hämorrhoiden, von denen nur sie und der Müller-Wohlfahrt wussten. Und Herbert, ihr Lover. Nein, sie war nicht stolz auf die Hämorrhoiden, sondern dass ihre Existenz ihr Geheimnis waren. Wie so manches andere, doch lassen wir uns überraschen.

Jetzt sprang sie auf und tupfte sich die feuchte Muschi mit hochwertigem Klopapier ab, zog den Loch-18-Slip wieder über das Hüftfett und stopfte ihre Hüftpolster in die Hose. Schon war sie wieder in ihrem Büro, wo der umtriebige Helge Braun, ihr 1. Staatssekretär, schon ungeduldig wartete. Er räkelte sich in einer hellen Ledergarnitur, schon am frühen Morgen mit einer Flasche Bier in der Hand. Als Äintschi in den Raum kam, sprang er hastig auf und knallte die Flasche auf den Tisch.

»Aintschi! Da bist du ja endlich! Weißt du schon, was passiert ist?«

»Nöö. Aber du wirst es mir bestimmt gleich sagen. Darf ich raten? Ist der Trump schon einem Herzanfall oder einem Attentat erlegen? Oder willst du mir schon mal deinen Nachfolger vorstellen, der hoffentlich nicht so ein Saufloch ist?«

»Ach komm, Äintschie. Du weißt, das ist Medizin für mich. Ist auch erst die Zweite mit Alk. Ich habe einen Kaffee mit Schuss bestellt, willst du auch einen?«

»Lass mal. Sag lieber was los ist. Ich bin doch keine Ratetante.«

»Liegst aber oft richtig mit deinen Vermutungen. Also, der Trump …«

»Ich wusste es. Ich wusste es!«

Äintschi ließ sich in das weiche Leder der Couchgarnitur fallen. Es gab ein verdächtiges Geräusch.

»Puh, hier riecht es komisch!«

Helge wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht.

»Was hast du gegessen? Na, besser hier, als im Bundestag!«

Er ging hinter die Hausbar und drückte ein paar Knöpfe an der Holzvertäfelung. Die Klimaanlage schaltete auf maximale Luftumwälzung.

»Verdammter Grünkohl!« schimpfte Äintschi. »Hoffentlich war es das jetzt.«

»Äintschi, wir leben in Zeiten, in denen jedes Lebenszeichen positiv ist.«

Helge wankte wieder zurück.

«Ah, Philosoph! Helges Sprüche Alk. 1, Vers 2, ja?«

»Nein, im Ernst. Bleib sitzen. Der Trump ruft in 10 Minuten an und will dir was sagen. Das ist das eine. Das andere ist: Wir wissen was. Der BND hat nach deiner Bespitzelung durch die NSA kräftig investiert. In Defensiv- als auch Offensivsysteme. Wenn du willst, kannst du einen Bericht in allen, ich sagte: allen! Einzelheiten bekommen, was der Trump in den letzten zwei Wochen gemacht und nicht gemacht hat.«

»Was will er, Helge?«

Äintschi war der Redefluss des Sekretärs zuwider.

»Spuck es endlich aus!«

»Erstens: 300 Milliarden Euro dafür, dass er uns in Ruhe lässt. Zweitens: Aufnahme aller Amerikaner, die er für unpatriotisch hält, das sind zu Anfang erstmal alle Besitzer eines deutschen Autos, er will sich noch andere Kriterien überlegen. Die Autos will er aber behalten und amerikanische daraus machen. Drittens: du sollst nächste Woche zu ihm kommen. Er meint Staatsbesuch, doch wir wissen durch den BND, dass er nicht vorhat, dich wieder abfliegen zu lassen. Er braucht eine Geisel, wahrscheinlich noch andere, wir sind noch daran, es herauszufinden. Viertens: Die mexikanische Mauer: Wir sollen den Mexikanern beim Bau helfen. Fünftens: sofortiges Einreiseverbot für alle Nichtamerikaner. Sechstens: Rockpflicht für Frauen, Kettenpflicht für Schwarze und anderes Gesocks, ach, die Liste ist noch lang. Für uns ist aber erstmal wichtig, wie wir mit a: der Geldforderung, b: den missliebigen Unpatrioten, c: deiner drohenden Geiselhaft verfahren.«

Helge nahm einen kräftigen Schluck aus der Pulle.

»Gib mir auch ein Bier. Und einen Schnaps.«

Äintschi klang schwach und verzweifelt.

»Nein, Äintschi! Du musst jetzt nüchtern bleiben! Und stark sein!«

«Du Arsch! Meinst du, es fällt mir leicht, den ganzen Tag von Vollidioten umgeben zu sein und wenn ich nach Hause komme ist da auch noch einer! Stark sein, stark sein! Ich kann bald nicht mehr, ich bin mit den Nerven völlig runter. Wenn jetzt noch der Seehofer anrufen tät, ich würde ihm empfehlen Selbstmord zu begehen, bevor ich die GSG9 auf ihn hetze. Ihr kennt mich alle überhaupt nicht. So und nun lass mich in Ruhe! Ich werde mit dem Trump schon klarkommen!«

Achselzuckend wandte sich Helge ab und verließ den Raum. Äintschi erhob sich müde und ging hinter die Hausbar. Aus einer Johnny Walker nahm sie einen kräftigen Schluck direkt aus der Pulle.

»Wo ist denn der Puschkin-Wodka?«

Auch aus dieser Flasche noch einen Zug. Für ein altes Ossimädel war das wie ein Joint für einen schlappen westlichen Öko-Hippi. Noch einen. Sie setzte sich ans Fenster, legte das Amtstelefon auf den Beistelltisch und schaute hinunter auf ihr heiß geliebtes Berlin.

Das Telefon klingelte. Äintschi drückte den Rücken gerade und nahm ab.

»Ja?«

»Frau Merkel, ein Gespräch aus USA. Herr Trump.«

»Stellen Sie durch!«

Gleich darauf hörte sie Trump durch den Lautsprecher des Telefons:

»… fuckin‘ mouth, babe, fuck harder babe, I’m comming soon!«

Äintschi hörte interessiert zu. Lässt der sich einen blasen! Während der Arbeit! Dass der sich das traute! Sie holte tief Luft und brüllte in das Telefon:

»Mr. President, do you hear me? Here ist Germany. Here ist Bundeskanzlerin Merkel! Help! Help! Help Me! The Russians are here!«

Den Telefonhörer knallte sie auf den Tisch und machte Maschinengewehrsalvengeräusche: »Rattatatatata!«

Sie stöhnte ein nach Abkratzen klingendes: »Uhhhhhh!!« und drückte schnell die Unterbrechertaste.

»So, du Obermacker. Jetzt kannst du dir aber mal so richtig Sorgen um mich machen!«

Äintschi war sehr stolz auf ihre Show. Schlagartig besserte sich ihre Laune.

»Hach, das macht ja richtig Spaß, so wunderbar spontan zu sein!«

Fröhlich öffnete sie die Flurtür und stellte sich neben ihren Lieblingsbodyguard.

»Kevin, holen Sie doch bitte mal den Herrn Braun hierher. Sie finden ihn bestimmt in der Kantine beim saufen.«

Kevin blieb jedoch stehen. Für sowas hatte er seine Leute. Mit drei kurzen Handbewegungen signalisierte er Frank am anderen Ende des Flures. Der hob den Daumen und verschwand.

»Ist in Arbeit, Frau Bundeskanzlerin. Ich kann hier nicht weg, das wissen Sie.«

»Habe ich gerade mal nicht dran gedacht!« sagte Äintschi spitzbübisch und wiegte sich in den Hüften. Schmunzelnd und mit lustig blitzenden Augen schaute sie hoch in das harte, kantige Gesicht ihres hochdotierten Beschützers.

»Kommen Sie doch rein, Kevin. Ich denke, es ist noch Kaffee da. In meinem Büro können sie bestimmt noch besser auf mich aufpassen.«

Die Kanzlerin fasste ihn am Arm und zog ihn in den Raum. Leicht widerstrebend ließ er sich mitziehen. Der Job war manchmal nicht leicht.

Tatjana und ich

»Kommen Sie mal da raus!«

Jemand klopft an die beschlagene Seitentür von Tatjanas Wagen. Es ist eine tiefe, kräftige Männerstimme.

»Ich habe Ihnen doch gesagt, die machen Unzucht da drin!«

Eine andere Stimme, ältlich und weiblich. Bestimmt die Omi, die bei der Polizei angerufen hat. Wir schauen uns an und grinsen. Schmunzelnd legt sie mir den Zeigefinger auf die Lippen und flüstert:

»Zieh dich an, aber leise!«

Draußen wird die Stimme der entrüsteten alten Frau lauter. Ich ziehe die Hose hoch, streife mein Hawaihemd über. Neben mir, auf der Heckfläche des Volvo, findet Tatjana ihren Rock, schlüpft hinein. Sie schnappt sich ihr T-Shirt von der Kopfstütze der Fahrerseite und zieht es an. Die Ahnung ihres phänomenalen Busens ist eindeutig keine. Zu offensichtlich drängen ihre prallen Titten nach Freiheit. Ich staune über die Festigkeit des Stoffes. So wie die Brustwarzen abstehen, könnten sie jeden Moment die Fasern zerschneiden. Jetzt bewegt sich Tatjana langsam und vorsichtig auf den Beifahrersitz, bringt ihn in Liegestellung und öffnet das Fenster zu einem kleinen Spalt. Über ihen Oberkörper legt sie ihren dicken Parka. Das löst ein wenig meine Anspannung.

»Was ist denn los?« ruft sie durch den Fensterspalt nach draußen.

Draußen, das ist ein Waldparkplatz in der Nähe von Murberg. Hier haben wir vor einer guten Stunde in Tatjanas Kombi notdürftig angehalten. Es war die erstbeste Möglichkeit, unsere spontan entstandene Ficklust auszuleben.

Ich sehe einen dicklichen Polizisten an der Fahrertür. Die hinteren Seitenfenster und die Heckscheibe sind schwarz getönt, Tatjana hat beim Diebstahl des Kombis auf dieses extrem wichtige Detail geachtet. Hinter dem Bullen bewegt sich schwerfällig ein altes Muttchen. Neben ihr kläfft ein Köter, keine Ahnung, was für eine Rasse das sein soll.

»Kommen Sie raus da, alle beide!« Der Bulle denkt, er hätte eine voll autoritäre Stimme. Ich empfinde sie einfach nur als hilflos.

»Wieso alle beide? Warum überhaupt?«

Tatjana, ich liebe dich! Lass dich nur nicht unterkriegen!

»Sie sollen hier in dem Auto sexuelle Tätigkeiten ausgeübt haben!«

»Was ist los?« Tatjana klingt mehr als entrüstet ob dieser Beschuldigung. Trotz aller Erotik in der Stimme bringt sie es fertig, allein durch die Tonlage die Frage als Schwachsinn zu disqualifizieren. Sie kann sich so supergut verstellen.

»Ich penne hier, das darf ich ja wohl!«

»Aber Sie haben es doch auch gehört und gesehen!“ ruft das Mütterchen dem Polizisten zu.

»Ganz lautes Stöhnen, auch von einem Kerl! Und wie das Auto geschaukelt hat!«

»Na und?« Tatjana beginnt keck zu werden.

»Ich habe manchmal ganz furchtbar schöne erotische Träume, das kennen Sie doch sicher auch?«

Sie schaut dem Mütterchen tief in die Augen. Der Polizist bekommt einen roten Kopf. Ich sehe ihm an, dass er den Schwanz sowieso schon eingezogen hat.

»Selbstverständlich, ich meine: Ja, natürlich können Sie in Ihrem Auto schlafen. Aber können Sie den Wagen trotzdem mal öffnen?«

»Nöö, kann ich nicht. Ich handle nämlich mit Rauschgift. Sie wollen sich garantiert an einem Freitagnachmittag nicht mit einer Wagenladung Koks befassen, oder? Das nächste Wochenende ist dann sicher eine Woche später.«

»Was hat Sie gesagt?«

Glücklicherweise scheint die Alte etwas schwerhörig zu sein. Oder sie hat von den aktuellen Angeboten auf dem Drogenmarkt keinen Schimmer. Bestimmt sind Bier, Wodka und Zigarrenrauch so ziemlich das Schärfste, was sie in ihrem verschrumpelten Vorkriegsleben als »Drogen« kennengelernt hat.

»Alles gut.« Der Polizist atmet tief durch.

»Alles in Ordnung, gute Frau. Ich habe keinen Grund, mich noch weiter mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen. Im Auto zu schlafen ist erlaubt, niemand ist geschädigt. Wir fahren jetzt, Heini!«

Den letzten Satz ruft er seinem im Einsatzwagen wartenden Kollegen zu.

»Aber, aber, das können Sie doch nicht machen! Sie müssen die Frau verhaften! Und den Kerl dadrin auch! Das verlangt die deutsche Sittlichkeit!«

»Wissen Sie, gute Frau«, blinzelnd zu Tatjana redet der Bulle jetzt Klartext:

»Du bist eine verklemmte alte Nuss. Tschuss!«

»Sie, Sie, Sie …« Ihr fehlen die Worte.

Dafür kläfft ihr Köter jetzt umso kräftiger. Ich höre sich durchdrehende Reifen. Schotter spritzt. Die Bullen sind weg. Die Alte steht noch unschlüssig herum. Jetzt steigt Tatjana aus, wirft den Parka ins Auto, reckt sich genüsslich und hebt den Rock hoch. Sie hockt sich neben den Vorderreifen und sagt:

»Jetzt muss ich erst mal dringend strullern. Kannst du bitte mal zum Mond gucken, gute Frau?«

Schon spritzt der Strahl. Die Alte fällt ohnmächtig um. Wir zerren sie ins Gebüsch, schlagen den Köter tot und werfen ihn neben sie. Dann fahren wir lachend, vollgekokst und voll sexbesessen in Richtung Süden.

Ludwig ist krank

Ludwig ist krank

Ludwig kam von der Schule nach Hause. Als er die Haustür aufschließen wollte, krümmte er sich plötzlich vor Schmerzen.

Schon in der Schule hatte er ein komisches Gefühl im Bauch. Beim Einsteigen in den Schulbus bekam er das erste Mal einen schmerzhaften Krampf und sein Schulbrot bahnte sich den Weg nach oben. Der Busfahrer machte sich noch lustig über ihn, weil er so langsam die Stufen in den Fahrgastraum erklomm und dabei den ganzen Betrieb aufhielt.

»Na, du Lahmarsch! Beweg dich mal ein bisschen! Muskelkater vom Schulsport, was?«

Ludwig hasste ihn. In seinen Gedanken war dieser unsensible Busfahrer bereits tot. Seine Freunde waren etwas einfühlsamer. Simon, der im Bus neben ihm saß, fragte: »Was hast du denn? Ist dir schlecht?«

Ludwig konnte nur nicken und sich dabei den Bauch halten. Simon schaute mitfühlend. »Vielleicht hast du ja eine Blinddarmentzündung. Meine kleine Schwester hatte letztes Jahr auch eine. Fast wäre sie daran gestorben.«

»So ein Quatsch!« Frank, der in der Reihe vor ihnen saß, hatte alles gehört.

»Lass dich nur nicht verrückt machen! Laura hatte keine Blinddarmentzündung, sondern sich nur an den leckeren Pfannkuchen ihrer Oma total überfressen. Simons Eltern waren allerdings mit ihr im Krankenhaus, weil sie dachten, sie müsse sterben. Abends war sie wieder zu Hause. Simon ist ein Lügenbold! Aber sag‹ mal, ist es wirklich so schlimm?«

Ludwig nickte bloß.

Den kurzen Weg von der Bushaltestelle bis zur Wohnung schaffte er mit kurzen Schritten und zusammengebissenen Zähnen. Glücklicherweise begegnete er auf dem Nachhauseweg niemandem, sonst hätte er »Guten Tag« sagen müssen und er war sich sicher, dass ein offener Mund noch etwas anderes herausgebracht hätte.

Den Haustürschlüssel im Schloss zu drehen, dazu fehlte ihm die Kraft. Mit großer Anstrengung hob er den Arm und drückte die Klingel.

Seine Mutter öffnete nach einer kleinen Ewigkeit.

»Ludwig, du hast doch einen Schlüssel! Warum klingelst du denn? Du weißt doch ganz genau, dass ich zu dieser Zeit immer meinen Schönheitsschlaf mache!«

Fast ging es Ludwig schon besser, als er das hörte. Der Schönheitsschlaf seiner Mutter war nämlich sehr lustig anzuschauen, wenn man sie dabei erwischte. Allein die Gurkenscheiben auf ihren Augen! Manchmal fragte er sich schon, ob sie wirklich seine Mutter war oder ein übersäuerter Gurkensalat.

»Mir ist schlecht und ich muss gleich kotzen.«

»Komm erst mal rein. Die Haustür muss ja nicht stundenlang offen stehen.«

Es war ihr peinlich, mittags im Schlafanzug und mit pinkfarbener Schmiere im Gesicht von den Nachbarn gesehen zu werden. Völlig fertig stand Ludwig in der Küche und stütze sich auf eine Stuhllehne. Seine Mutter lag schon wieder auf dem Sofa und drapierte sich die Gurkenscheiben auf die Augen.

»Leg dich ins Bett, esse ein paar Scheiben Zwieback und trinke ein Glas Wasser!«

Ludwig wankte an die Spüle und trank ein Glas Wasser. Für zwei Schlucke brauchte er eine kleine Ewigkeit, so scheußlich weh tat es jedesmal, wenn das Wasser in seinen Bauch rann. Den Zwieback ließ er im Schrank.

Mit letzter Anstrengung schaffte er es, die Treppe hoch in sein Zimmer zu gehen und ließ sich aufs Bett fallen. Dem Ratschlag seiner Mutter folgend, schlief er sofort ein.

Sein Schlaf dauerte nicht lange. Nach einer halben Stunde wachte er bereits auf und verspürte beim Aufrichten einen stechenden Schmerz in der Stirn. Sein Bauchweh war auch nicht besser geworden. Sicherheitshalber ging Ludwig ins Badezimmer und hielt den Kopf über die Kloschüssel.

Außer einem leichten Würgen passierte zum Glück nichts.

Ludwig ging nach unten zu seiner Mutter. Die hatte mittlerweile ebenfalls ihr Nickerchen beendet, die Gurkenscheiben und die Gesichtspaste entfernt und sah – zumindest bis zum nächsten Tag – wieder aus wie eine sechszehnjährige Teenagerin.

»Mama, ich habe jetzt auch noch Kopfschmerzen!«

»Ach du liebe Güte! Du hast auch immer etwas anderes! Komm her, mein Lieber. Hier hast du eine Schmerztablette!«

Doch was Müttern hilft, ist für Kinder nicht gleich gut. Ludwig ging es nach der Giftinjektion nicht besser. Seufzend ergab seine Mutter sich in ihr Schicksal und fuhr mit Ludwig zu Dr. Engelbrecht. Der hatte gleich eine Diagnose parat, ohne Ludwig näher zu untersuchen.

»Ihr Sohn hat wahrscheinlich eine Grippe. Er kann sich zuhause mal vor das Fernsehgerät setzen. Das lenkt ab!«

Ludwig starrte dem Doktor ungläubig an. Das konnte doch nicht wahr sein? Doch Dr. Engelbrecht reagierte überhaupt nicht. Er saß vornübergebeugt an seinem Schreibtisch und rechnete seinen Gewinn aus.

Zu Hause angekommen, wurde sofort das Fernsehgerät eingeschaltet. Im Ersten Programm kam eine Sendung über Hausgeburten. Das Blut lief in Strömen. Ludwig rief: »Mama, ich muß kotzen!«

Seine Mutter stellte gleich einen Eimer neben das Sofa. Ludwig würgte fleißig, doch viel kam nicht heraus.

»Soll ich dir ein anderes Programm einschalten?«

Ludwig nickte mühsam. Er fühlte den Tod nahen. DieMutter drückte auf der Fernbedienung herum und schaltete durch die Programme. Auf dem Kinderkanal kam gerade »Lassie«.

»Willst du Lassie sehen?«

»Ja, lass mal an!«

Mutter verschwand wieder in der Küche. Ludwig schnappte die Fernbedienung und schaltete weiter. In einem Dritten Programm lief »Parlez-vouz francais?« Ludwig verstand überhaupt nichts. Französisch würde er erst im siebten Schuljahr lernen. Aber er bekam plötzlich eine gute Idee. So schnell wie er konnte, also im absoluten Schneckentempo, ging er die Treppe hinauf zu seinem Zimmer und öffnete seine Schultasche. Wo war bloß das Englischheft? Es war nirgends zu finden. Da fiel ihm ein, dass er es im Klassenzimmer auf seinem Tisch liegengelassen hatte. Das sollte ihn morgen früh in der Schule gleich daran erinnern, dass er die Hausaufgaben für die dritte Stunde noch in der großen Pause von Stefan abschreiben wollte. Was jetzt? Zum Glück hatte er noch sein Englischwörterbuch im Regal. Er nahm das Buch und legte sich damit ins Bett. Er fing bei »A« an.

Als er nach zwei Stunden meinte, genug gelernt zu haben, holte er seine Mathematikhausaufgaben. Damit war er schon nach zehn Minuten fertig. Anschließend setzte er sich an seinen Schreibtisch und malte mit Wasserfarben ein schönes Bild von seiner Mutter. Leider misslang es ihm. Zuerst wollte er es in den Papierkorb werfen, doch dann bekam er einen Einfall. Er hängte es kopfstehend und umgekehrt an seine Zimmertür.

Ludwig mochte es, seiner Umwelt Rätsel aufzugeben. Irgendwann würde seine Mutter merken, dass ein leeres, weißes Blatt an der Tür hing und die Angelegenheit näher untersuchen.

Ludwig wurde müde und legte sich ins Bett. Als er am nächsten Morgen aufwachte, waren alle Schmerzen verschwunden.

Das Original

Als Ludwig nach Hause kommt, hat er Bauchschmerzen. Seine Mutter sagt: »Leg dich ins Bett, esse ein paar Scheiben Zwieback und trinke ein Glas Wasser.«

Ludwig tut was seine Mutter sagt. Aber nachdem er 30 Minuten geschlafen hat, merkt er, dass sein Kopf wehtut!

Er geht zu seiner Mutter, die ihm sofort eine Kopfschmerztablette gibt. Doch auch nach diesem Versuch geht es Ludwig nicht besser. Seine Mutter hält es nicht mehr aus und fährt mit ihrem Sohn zum Arzt. Der meint: »Ihr Sohn hat wahrscheinlich eine Grippe. Er kann sich zu Hause mal vor das Fernsehgerät setzen. Das lenkt ab!« Ludwig macht, was der Arzt gesagt hat. Danach geht es ihm ein wenig besser.

Aber am nächsten Morgen hat er wieder Bauchschmerzen. Seine Mutter sagt: »Du gehst auf keinen Fall in die Schule! Hörst du! Eine Grippe ist ansteckend.« Ludwig nickt und schaltet den Fernseher an. Aber das wird ihm langsam zu langweilig.

Er nimmt sein Mathebuch aus dem Schulranzen und rechnet Seite für Seite. Als er ein Drittel des Mathebuches durch hat, lernt er seine Englischvokabeln. Es macht ihm richtig Spaß so zu lernen. Als er mit den Vokabeln fertig ist malt er ein schönes Bild. Dann spielt er ein paar Lieder auf seiner Blockflöte, lernt die lateinischen Begriffe für Kirchen und für die Bioarbeit. Er ist so in das Lernen vertieft, dass er gar nicht merkt, wie die Bauch- und Kopfschmerzen weggehen. Erst als er das gesamte Deutschbuch durchgelesen hat, merkt er dass seine Schmerzen wie weggeblasen sind.

Er läuft zu seiner Mutter und ruft: »Mama, ich kann morgen wieder in die Schule! Die Bauchschmerzen sind weg!« Ludwigs Mutter ist froh dass es ihrem Sohn wieder gutgeht. Und am nächsten Tag geht Ludwig wieder in die Schule!

Rüdiger

»Wann kommt er denn endlich?«

Rüdiger hieb mit seiner flachen Hand an die Beifahrertür des Firmenwagens. Mittlerweile begann die Kälte des frostigen Wintermorgens an seinen Zehen zu nagen. Sein Chef war jetzt schon seit zehn Minuten überfällig. Mit kalten Fingern angelte er sich eine filterlose Zigarette aus der zerknitterten Packung und drehte sich in den kalten Wind, um sie mit seinem Sturmfeuerzeug in den hohlen Händen zu entzünden. Tief inhalierend ging er zurück zum Werkzeugschuppen. Der Schuppen war zur Hofseite hin völlig offen. Nur die rechte Hälfte mit Werkzeugen und Maschinen auf einer Pflasterfläche diente dem Betrieb. Der restliche Platz war vollgerammelt mit Heu- und Strohballen. Der Minibagger stand auf einem Anhänger. Die Einstiegstür fehlte.

Rüdiger stieg über den Radkasten des Anhängers und ließ sich in das Führerhaus des Baggers fallen.

»Brumm, brumm, brumm!«

Vor lauter Langeweile spielte er an den Armaturen und stellte sich vor, wie er gerade das Grab von Hansi verfüllte.

»Der Arsch! Erstmal aus Versehen mit dem Baggerlöffel den Sarg ein bißchen einquetschen, damit die Würmer schneller an dich drankommen! Dann ein Löffel Dreck, noch ein Löffel Dreck … oh, entschuldige bitte, dass ich deinen Sarg schon wieder gelöchert habe! Brumm, brumm!«

Er hörte ein weiteres Brummen, diesmal von der Straße weiter unten und sein Gefühl sagte ihm: Der Chef kommt. Ein blauer Geländewagen fuhr zügig den Feldweg zum Schuppen hoch. Endlich! Wenn er jetzt nicht gekommen wäre, hätte Rüdiger sich in seinen rostigen Opel Corsa gesetzt und wäre zu seiner Freundin Britta gesaust.

Sein Chef kam mit Sicherheit von einer seiner vielen Freundinnen. Der geile Bock! Rüdiger konnte nicht verstehen, was die Weiber an ihm fanden.

»Morgen, Rüdiger!«

Hansi blieb in seinem Protzschlitten sitzen und hatte nur die Seitenscheibe elektrisch geöffnet.

»Hast du schon lange gewartet? Tut mir leid, dass ich so spät bin. Hier ist der Schlüssel vom LKW. Wenn du heute fertig bist, schließ ab und nimm ihn mit. Keine Ahnung, ob ich morgen mithelfen kann. Jetzt muss ich auch gleich wieder los, Baustelle in Dünsperg angucken. Kann zehn Uhr werden, bis ich zu dir stoße, haha! Ansonsten ist ja alles klar: Bagger mitnehmen und buddeln was das Zeug hält. Die Beerdigung ist um zwei, bis dahin muss alles pikobello sein. Also dann, tschüss!«

Den Motor des Geländewagens hatte der Chef erst gar nicht abgestellt. Der Rückwärtsgang wurde eingelegt und weg war er.

Rüdiger ging zum LKW und steckte den Schlüssel ins Schloss. Verdammt, schon wieder verklemmt. Die Karre hatte schon 23 Jahre auf dem Buckel und in dieser Zeit bestimmt schon eine Gesamttonnage von der Masse des Mondes transportiert. Endlich rastete der Schlüssel ein. Wütend riss Rüdiger die Fahrertür auf. Sie fiel ihm entgegen und er konnte sie gerade noch halten, als sie sich aus der oberen Halterung löste und auf ihn.

»Mist, Scheiße, Gottverdammte Hurendoggenscheiße!«

Die Verzweiflung allen aufgestauten Elends des heutigen Morgens entlud sich in einer Entscheidung mit orgiastischem Höhepunkt.

»Weg den Dreck!«

Schwungvoll knallte die Tür runter und knirschte entsetzlich in der unteren Angel. Drei, vier kräftige Tritte mit stabilen Sicherheitsstiefeln knallten gegen das Türfutter. Noch hielt die Tür. Rüdiger schaute sich den Schaden genauer an. Die obere Türangel war total abgefault und hatte sich mit einem riesigen Loch in der Füllung verabschiedet. Die kläglichen Reste hingen an der Tür und bröselten in rostigen Krümeln ab.

»Total im Arsch, die Karre!«

Kurz entschlossen packte Rüdiger die Tür und hob sie ein paar Mal auf und ab, in der Hoffnung, sie aus der unteren Halterung reißen zu können. Der Erfolg kündigte sich in schrillem metallischen Kreischen des gequälten Stahls an. Nocheinmal! Fester! Nochmal! Nichts bewegte sich. Enttäuscht – und dennoch hochzufrieden über den Widerstand deutscher Qualitätsarbeit gegen den Rost der Zeit – hielt Rüdiger in dieser sinnlosen Arbeit inne.

»Hier brauchen wir stärkeres Kaliber!«

Entschlossen holte er die Pflasterbrechstange vom Anhänger und setzte sie an. Zweimal kräftig gehebelt, dann war sie ab. Na also! Die Tür zerrte er gleich auf den Metallschrotthaufen.

Ein Blick auf die Armbanduhr zeigte ihm, er müsse sich jetzt beeilen. Sobald er den Anhänger mit dem Bagger darauf angehängt hatte, bugsierte er, eingenebelt in schwarze Dieselabgase, das Gespann zur Hofeinfahrt hinaus auf die Straße. An diesem Frühlingsmorgen schien die Sonne zwar schon seit zwei Stunden, hatte es aber noch nicht geschafft, die kalte Nachtluft entscheidend zu erwärmen. Rüdiger hielt seine Arbeitsjacke bis zum Kinn verschlossen und lenkte mit Arbeitshandschuhen. Zeit zum Warmlaufen des LKW-Motors hatte er nicht gehabt und selbst mit funktionierender Heizung hätte das nichts gebracht, weil die Fahrertür fehlte.

»Ich muß doch wirklich bescheuert sein, so loszufahren!«

Sicherheitsgurte waren ihm Führerhaus nicht vorhanden. Auch deshalb hatte Rüdiger ein schlechtes Gefühl beim fahren. Egal, noch drei Kilometer bis zum Friedhof, da wird schon nichts passieren!

Vorsichtig bog er mit dem Gespann nach rechts in die Bahnhofstraße ab. Hier hatte die Straße ein leichtes Gefälle und Rüdiger rollte im kleinen Gang hinab. An der Sparkasse musste er anhalten, weil vor ihm ein altes Mütterchen die Straße überquerte. Aus dem Tabakladen an der Ecke öffnete sich gerade die Tür und Rüdigers Freund Erwin kam heraus. Obwohl dessen Augen von der Zecherei der letzten Nacht noch verklebt waren, erkannte er Rüdiger in der Klapperkiste und begann sofort ein entsetzliches Gebrüll.

»Rüdiger, du alte Sau! Warte mal! Haste mal 5 Euro für mich? Die Fotze hier will mir nichts mehr geben! Dabei hab’ ich gerade gestern noch ‘nen Zwanziger rübergeschoben, den Hansi mir für’s Leichenfleddern gegeben hat!«

Erwin war so eine Art Gelegenheitsarbeiter bei Hansi. Seit zwei Jahren arbeitet er tage- oder wochenweise im Betrieb, je nachdem, welchen Bedarf Hansi an ihm hatte. Zuletzt hatte er vor ungefähr 3 Monaten auf einer Baustelle in Dünsperg gearbeitet oder so. Eines Morgens hatte Hansi ihn schon um 10 vollgesoffen angetroffen und sofort rausgeschmissen. Bei Andriana, der Inhaberin des Tabakladens, hatte er dauernd Schulden. Selten hatte die er die Gelegenheit, sein Konto bei ihr auszugleichen. Sein einziger Nebenverdienst zu Hartz IV war die Mithilfe beim Gräberschaufeln in der Hansis Tiefbaufirma.

Ende kommt noch.