Grönland

Aäintschi gähnt. Es ist fast zwanzig Uhr. Im Bundeskanzleramt hat die Kantine jetzt Feierabend. Daran muss die Kanzlerin jetzt denken, als sie sich vom Schreibtisch erhebt und den Rücken streckt.

„Hoffentlich ist daheim der Kühlschrank nicht leergefressen“, denkt sie. Die neue Haushaltskraft von irgendwo hinter dem Uralgebirge hat noch nicht so richtig verstanden, alle ihr zugetragenen Aufgabenbereiche vollständig zu erfüllen.

Am liebsten kümmert sie sich um die erotischen Bedürfnisse des Kanzlergatten, obwohl das in ihrem Arbeitsvertrag ausdrücklich als Nebentätigkeit vermerkt ist. „Nun, Hauptsache der Kerl bleibt bei Laune.“ Aäintschi drückt die Sprechtaste zum Vorzimmer.

„Lisa, rufen Sie bitte den Kevin. Ich möchte jetzt nach Hause!“

„Sofort, Frau Merkel. Kann ich dann auch Schluss machen?“

„Erst wenn Sie die Vorauswahl der Bewerbungen der Ghostwriter getroffen haben. Wieviel müssen Sie denn noch durchlesen?“

„Ungefähr dreißig.“

„Na, die schaffen Sie locker in einer halben Stunde. Meinetwegen machen Sie den Rest morgen. Der Einsatzplan der nächsten Woche für die Bodyguards wird aber sofort fertiggemacht. Ich will ihn sehen, wenn ich gleich gehe. Und morgen um zehn Uhr bin ich wieder hier und dann will ich nur vernünftige Bewerbungen auf dem Tisch haben!“

„Selbstverständlich, Frau Merkel. Danke schön!“

Aäintschi trennt die Verbindung und steht auf. Die schmalen Lippen hat sie zu einem fiesen Grinsen auseinandergezogen. Der frechen Lisa hat sie es wieder gezeigt! Hach, wie fein ist es, so eine unbeschränkte Macht zu haben! Sie greift nach ihrer Handtasche, schaut hinein. Gut zu wissen, in welcher Ecke das Pfefferspray liegt. Sie hat zwar volles Vertrauen in ihre Bodyguards, vor allem in Kevin, den blonden Recken, aber als vorsichtige Frau traut sie jedem Kerl alles zu. Die Sprechanlage summt. Das Vorzimmer.

„Was will die dumme Kuh denn jetzt noch?“ Sie ignoriert den Summton und geht auf die Vorzimmertür zu. Gerade in dem Moment, als sie die Hand an den Türgriff legt, fliegt die Tür auf und knallt ihr an die Strähnenfrisur. Da liegt sie nun und zwischen ihren Beinen strampelt ein kleiner, glatzköpfiger Mann, den der Schwung nach vorn und auf sie gerissen hat. Im schnellen Reflex schleudert Aäintschi die Handtasche mit Wucht an seinen Kopf.

„Au! Das tut weh!“ Der Mann bemüht sich aufzustehen. Das ist nicht so leicht, denn Aäintschi wirft sich hin und her, wohl in der Absicht, den mutmaßlichen Attentäter abzuschütteln. Endlich gelingt es ihm, sich aufzurichten.

Schwer atmend reicht er Aäintschi die Hand.

„Frau Merkel! Was für ein Unglück! Es tut mir so leid! Kommen Sie, ich helfe Ihnen hoch!“

Aäintschi ergreift die Hand, macht sich aber absichtlich schwer, um den kleinen Mann zu ärgern. Sie hat jetzt nämlich gemerkt, wer das ist und prompt setzt ihr politischer Instinkt ein und befiehlt ihr: „Erniedrige ihn! Erniedrige ihn!“

Tatsächlich bekommt der Herr Gysi einen sehr roten Kopf von der vergeblichen Anstrengung, sie hochzuziehen. Doch nun ist Kevin da und drückt ihn zur Seite. Schwupps, schon hat der taffe Bodyguard die Kanzlerin wieder auf die Beine gestellt. Entrüstet dreht er sich zu Lisa um, die fassungslos mit offenem Mund und hilflos im Vorzimmer steht.

„Was ist denn hier los! Wie konnte das denn passieren?“

Lisa ist den Tränen nahe. „Er war plötzlich da. Rief nur: ‚Ich muss zu ihr, sofort!‘ Ich konnte gar nichts machen!“

„Nun lassen Sie mal die junge Frau in Ruhe!“ Gregor Gysi versucht, dem Bodyguard auf die Schulter zu klopfen. Seine Hand reicht nur bis zu dessen Ellbogen, obwohl er schon auf den Zehen steht. Egal. Entschlossen wendet sich Herr Gysi zu Aäintschi. „Frau Bundeskanzlerin! Ich muss Sie ganz dringend sprechen! Es geht um Deutschland! Es geht um Europa!“

Aäntschi humpelt zu ihrem Schreibtisch und hält sich die rechte Hüfte. Hoffentlich ist ihrem neuen Hüftgelenk durch den Sturz nichts passiert. Die Schmerzen halten sich jedenfalls in Grenzen.

„Kommen Sie, Herr Gysi. Kevin, mach‘ die Tür zu. Übrigens: Wenn du schon nicht selbst auf mich aufpassen kannst, weil du dir in der Besenkammer einen runterholst, solltest du für Ersatz sorgen. Das war eben richtig Panne. Stell‘ dir vor, der Seehofer wäre hier reingeplatzt. Dann wäre ich jetzt vielleicht tot und du in U-Haft!“

Demütig schließt Kevin die Tür. Herr Gysi lässt sich in einen der schönen Besuchersessel fallen und wischt sich mit einem Stofftaschentuch die schweißfeuchte Stirn.

„So, Herr Gysi. Nun erzählen Sie mal. Wollen Sie auch einen Schnaps?“

Aäintschi öffnet die Bar und nimmt eine glasklare Flasche heraus. „Wodka?“

„Sehr gern, Frau Bundeskanzlerin.“

Mit zwei gut gefüllten Wassergläsern voller Lebenselexier geht sie zu Herrn Gysi in die Besucherecke und nimmt ihm gegenüber Platz.

„So. Prösterchen Herr Gysi!“

Die Gläser erklingen dumpf beim Zuprosten. Zufrieden und entspannt lassen sich die beiden in die gemütlichen Sessel zurückfallen.

„Haben Sie schon davon gehört, dass der Trump Grönland kaufen will?“

„Jetzt wollen Sie mich aber veräppeln, oder?“ Aäintschi ist verdutzt.

„Twitter ist nicht so Ihr Ding, oder?“ Herr Gysi nimmt langsam Fahrt auf. „Ganz frisch. Kaum hatte ich es eben gelesen, kam mir gleich eine sehr gute Idee, die ich unbedingt mit Ihnen besprechen wollte, bevor ich es wieder vergesse.“

„Was will denn der Trump mit Grönland?“

„Bodenschätze. Gas. Militärstützpunkt. Vielleicht. Ich tippe ja eher auf Gefangenenlager und Abschiebemöglichkeit für illegale Einwanderer. Das ist aber egal, Frau Merkel! Die Dänen werden Grönland nicht verkaufen. Außerdem blökt der Trump nur wieder dumm. Vielleicht hat er in der letzten Nacht einen Traum gehabt, in dem Rentiere und Eisbären vorkamen. Das kann man nicht ernst nehmen.“

„Warum sind Sie dann so aufgeregt?“

„Weil er mich auf eine gute Idee gebracht hat!“

„Dann raus damit, Herr Gysi! Es war ein langer Tag und ich will endlich nach Hause!“

Gregor Gysi holt tief Luft. „Also, Frau Merkel. Der Trump will Grönland kaufen. Ist zwar unrealistisch, aber theoretisch und praktisch durchaus machbar. Jetzt kommts: Was wäre, wenn wir, also die Bundesregierung, ein tolles Angebot an Italien machen würde: Wir kaufen Sizilien!“

Herr Gysi strahlt Aäntschi an. Die Bundeskanzlerin ist sehr verdutzt.

„Das verstehe ich jetzt nicht, Herr Gysi.“

„Ja Frau Merkel, Sizilien! Heimat der Mafia. Urlaubsparadies. Und vor allem: Armenhaus Italiens!“

„Das weiß ich doch alles, Herr Gysi. Ich bin schließlich nicht doof!“

„Das denken aber Viele.“

„Sie etwa auch, Herr Gysi?“

„Selbstverständlich nicht, Frau Merkel. Allerdings brauchen Sie manchmal einen Schubs, damit’s was wird. Deswegen bin ich doch hier, Menschenskind! Kriege ich noch einen Wodka, bitte?“

„Erst wenn Sie mir endlich erklären, was Sie mit Sizilien wollen!“

„Kaufen. Sagte ich doch schon. Prima Insel im Mittelmeer. Ich frage mich: Wird Italien die Insel an Deutschland verkaufen wollen? Was können wir im Gegenzug anbieten?“

„Aber warum sollten wir denn Sizilien kaufen wollen? Wir haben doch selber schöne Inseln!“

„Der Begriff ‚Schönheit‘ ist relativ, aber gut: Helgoland und Rügen und so sind zwar nett, liegen aber nicht im Mittelmeer!“

„Mittelmeer.“ wiederholt Aäntschie nachdenklich. Herr Gysi schaut sie erwartungsvoll an.

„Mittelmeer!“ ruft Aäntschie und klatscht in die Hände. „Herr Gysi, Sie sind ein Genie! Wenn Sizilien deutsch wäre, könnten wir die Mafia erledigen, Olivenbäume pflanzen, die deutsche Leitkultur etablieren. Sogar eine Raketenbasis bauen und eine tolle Chemiefabrik errichten. Wir könnten …“

„Flüchtlinge aufnehmen“, unterbricht sie Herr Gysi. Er lächelt verschmitzt und blinzelt Aäintschie erwartungsvoll an. Die Kanzlerin hat den Mund noch offen. Für den Moment ist sie sprachlos. Als sie dann reden will, weiß sie nicht, was sie sagen soll und öffnet und schließt den Mund wie ein Fisch auf dem Trockenen. Herr Gysi ist nett und hilft ihr auf die Sprünge:

„Seenotrettung. Alle Mittelmeerhäfen sind dicht. Nur nicht auf Sizilien, denn das ist deutsch und die Rettungsboote können sofort an der richtigen Stelle anlegen, nicht weit von Afrika weg. Und die Geretteten können gleich in Deutschland – denn: Sizilien ist 17. Bundesland – Asyl beantragen, wenn sie wollen!“

„Natürlich wollen sie!“ Aäintschie hat die Sprache wiedergefunden. „Alle wollen nach Deutschland, weil sie es bei uns so gut haben!“

„Ja, und wir sparen viel Geld, weil wir der Türkei und den anderen Ländern keines mehr geben, damit sie die Flüchtlinge bei sich behalten. Und, was das Allerschönste ist…“ Herr Gysi macht eine Pause.

Tatsächlich wird Aäintschi sofort ungeduldig. „Ja was denn, Herr Gysi, so reden Sie doch schon!“

Ungeduldig rutscht sie im Sessel. Das ganze Gerede über so viel Wasser – sie muss dringend auf die Toilette.

„Was denken Sie denn, was uns Sizilien kosten wird?“

„Weiß nicht. 20 Milliarden?“

„Sachsen!“

„Wie, Sachsen?“

„Sachsen! Können die Italiener kriegen! Ist das nicht wunderbar? Ich kann mir fast nichts Schöneres vorstellen: Wenn die Muttersprache der Sachsen italienisch wird!“

„Herr Gysi, Sie haben eine wunderbare Phantasie! Nur – Sie haben vorhin von Sizilien als 17. Bundesland gesprochen. Wenn die Italiener Sachsen kriegen, haben wir doch wieder nur 16.“

„Stimmt, da habe ich nicht dran gedacht. Doch daran wird die Welt nicht untergehen, daran nicht! Weiß außer uns beiden ja niemand, dass ich damit nicht gerechnet habe. Bitte vielmals um Entschuldigung.“

„Macht ja nichts, Herr Gysi. Im Großen und Ganzen finde ich Ihre Idee ganz toll. Jetzt haben wir endlich eine Möglichkeit gefunden, den armen Flüchtlingen schnell und gut zu helfen. Der Seehofer wird im Dreieck springen!“

„Im Bermuds-Dreieck, hehe! Auf Nimmerwiedersehen!“

„Sie sind böse, Herr Gysi. Der Seehofer ist auch nur ein Kind seiner Zeit.“

Die Sprechanlage läutet. Etwas schwerfällig steht Aäintschi auf und geht an ihren Schreibtisch. „Ja, was ist denn, Lisa?“

„Die Frau Gysi ist hier und will ihren Mann zurück!“

„Um Himmels Willen! Der ist doch freiwillig hier und nicht in Gefangenschaft! Sag‘ ihr, er kommt gleich.“

Sie drückt auf den Aus-Knopf der Anlage und dreht sich zu Herrn Gysi um. Da läutet das rote Telefon. Das rote Telefon hat noch nie geläutet. Sie wusste bis jetzt überhaupt nicht, dass es läuten kann. Der Klingelton ist schrecklich laut und unmelodiös, unheilverkündend. Sie nimmt den Hörer ab.

„Merkel“, sagt sie vorsichtig.

„Aäintschi!“ Es ist Annegret Kramp-Karrenbauer, die gute Verteidigungsministerin. „Aäintschi! In Dresden ist die Frauenkirche eingestürzt!“

„Na toll!“ Aäinschi blickt zu Gysi, der sich schon wieder einschenkt.

„Das war’s dann wohl. Ohne die Frauenkirche ist ganz Sachsen nichts mehr wert. No church, no deal, würde Trumpi sagen.“

„Hä? Aäintschie? Alles gut?“

Die Kanzlerin legt auf. Sie zieht den angetrunkenen Herrn Gysi aus dem Sessel und schiebt ihn in das Vorzimmer.

„Schönen Dank, Herr Gysi! Besuchen Sie mich bald wieder, Herr Gysi! Kevin! Wo steht der Wagen? Ich will nach Hause!“

Freiheit für Angela Merkel!

„Schnickischnucki?“

„Ja, Aäintschi, mein Wonneproppelmäuschen?“

„Ich möchte heute nicht an die Arbeit!“

„Bist du krank?“

„Nein.“

„Dann musst du.“

„Muss ich nicht.“

„Doch, musst du!“

„Muss ich nicht!“

„Das Volk erwartet aber, dass du es führst.“

„Will heute nicht führen, nur verführen!“ Sie packt ihn an die Eier.

„Au, nicht so fest! Der Zeckenbiss von gestern tut noch so weh!“

„Du bist zu empfindlich.“

„Bin ich nicht.“

„Bist du doch. Zeig mal die Wunde.“

„Ist nicht so schlimm.“

„Na dann!“

Sie langt nochmal hin und diesmal unterdrückt er den Schmerz. Ist wirklich nicht so schlimm, denkt er. Gut, dass die Frau so schwach ist. Schlecht im Zupacken, das weiß mittlerweile die ganze Welt.

Da klingelt es an der Haustür und die erotische Situation verpufft. Es ist Kevin, der smarte Boddigard. Draußen steht die gepanzerte Limousine, ihr Fahrstuhl in die Hölle der Politik.

„Was machsten heute?“ Er pustet ihr eine aus zwei dünnen Haaren bestehende Strähne aus dem Gesicht.

„Weiß nicht“, sagt sie trotzig. Dann dreht sie sich um, öffnet die Tür, lässt sich von Kevin zum Wagen bringen. Eine kleine Träne kullert ihr über die Wange. Sie wäre so gern mal Pipi Langstrumpf. Oder Greta Tumsberg oder wie die heißt. Oder Sara Wagenknecht. Nee, nicht alles von der, die Möpse würden schon reichen. Und die Haare. Und die Beine. Sie schluchzt. Aber sie reißt sich zusammen. Das Volk ruft – sie wird gebraucht und das hat sie so wahnsinnig gern.

Freiheit ist auch Freiheit zur Selbstzerstörung.